Erneuerbare können AKWs ersetzen

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Geschrieben von: Elana Caro, St. Gallen 16.03.11
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Die erneuerbaren Energien können die Kernkraft ersetzen, sagt Steve Sawyer, Generalsekretär der Global Wind Energy Association. Aber dazu braucht es ein funktionierendes europäisches Netz und eine kluge Mischung aus den verschiedenen erneuerbaren Energien.

Elana Caro: Sind die Reaktionen gegen die Kernkraft vorübergehende Gefühlsausbrüche oder werden sie den Weg zu den erneuerbaren Energien beschleunigen?

Steve Sawyer: Heute sind sicherlich sehr starke Gefühle im Spiel. Die Videos explodierender Kernkraftwerke erinnern uns an die Diskussionen über die Kernkraft in den 70er und 80er Jahren. Sie erinnern an Three Mile Island (Ort eines Reaktorunfalls in den USA 1979, ec), an Tschernobyl und an das Leck in der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho in Japan. Was jetzt in Japan passiert, wird Monate, Jahre und schliesslich Tausende von Jahren dauern. Denn die Kernkraft produziert einen Abfall, der unsere Gesundheit und die Umwelt schädigt. Die Leute neigen dazu, dies zu verdrängen, weil sie sich an das nahegelegene Kernkraftwerk gewöhnt haben.

Elana Caro:Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt, dass der Übergang zu den erneuerbaren Energien beschleunigt werden muss. Glauben Sie,  dass diesen Worten Taten folgen werden?

Steve Sawyer:Es ist klar, dass die grosse Mehrheit der Deutschen nicht viel von der Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke gehalten hat. Frau Merkel hat dafür einen politischen Preis gezahlt. Das wird einen Langzeiteffekt in Deutschland haben.

Anderswo ist es noch zu früh, um Schlüsse zu ziehen. Die EU setzt sich derzeit Ziele für 2030. Im Rahmen einer Konferenz der Europäischen Windenergievereinigung wird es eine Debatte über das Ziel der EU geben, den Stromsektor bis 2050 emissionsfrei zu machen. Aber vergessen wir nicht: In Bezug auf Energiepolitik ist 2020 praktisch der kommende Nachmittag, 2030 ist morgen und 2050 nächste Woche. Unsere Entscheidungen heute haben langfristige Wirkungen.

Elana Caro:Haben die Staaten auch den Willen, in erneuerbare Energien zu investieren?

Steve Sawyer:In Europa ja. Wir haben die Strategie der EU bis 2020, alle 27 Mitgliedsländer haben ihre entsprechenden Aktionspläne vorgelegt. Die neuen EU-Staaten bewegen sich langsam auf die erneuerbaren Energien zu. Zwei der am schnellsten wachsenden Märkte für die Windenergie sind Polen und Rumänien.
In Asien bewegen sich China und Indien und auch kleinere Staaten wie Korea mit grosser Geschwindigkeit Richtung erneuerbare Energien; die staatliche Unterstützung ist gross.

Elana Caro:Kann Windenergie die Kernkraft in den nächsten zwei Jahrzehnten ersetzen?

Steve Sawyer:Ja und nein. Das technische Potential dafür ist da. Wenn wir Deutschland anschauen, wird es dort zwischen 2020 und 2030 möglich sein, die Kernkraft auslaufen zu lassen. Aber es geht nicht darum, eine Energiequelle durch eine andere zu ersetzen. Jedes Land muss seine Energie aus verschiedenen Quellen beziehen. Immer mehr europäische Länder werden Teil eines integrierten Strommarktes. In Dänemark, Schweden und den anderen nordischen Ländern hat die Windkraft einen hohen Anteil, weil die Netze untereinander gut miteinander verbinden sind und weil es einen gut funktionierenden Markt für erneuerbare Energien gibt. Die zentrale Frage ist die Zusammensetzung des Strommixes.

Elana Caro:Wie sieht es anderswo in Europa aus?

Steve Sawyer:Frankreich ist eine andere Geschichte. Dort kommen derzeit 60 Prozent des Stroms aus der Atomkraft, daher wird es länger brauchen, bis sie ersetzt ist. Aber in Ländern wie Österreich, Irland und Portugal ist das kein Problem, weil der Anteil der Kernkraft bereits bei Null liegt. In Spanien und Belgien gibt es bereits eine Gesetzgebung, aus der Kernkraft auszusteigen.

Elana Caro:Sind die Netze bereit, soviel Windstrom aufzunehmen?

Steve Sawyer:Die Technologien dafür sind da. Aber ihre Umsetzung unterscheidet sich stark von Land zu Land. Spanien und Portugal produzieren 17 Prozent ihres Stroms aus Wind. Damit kommen sie an eine Grenze, weil sie „Energieinseln“ sind. Dort kann die Windkraft erst weiterwachsen, wenn sie eine stabile Anbindung an das europäische Netz haben – und da steht ihnen Frankreich im Weg.

Elana Caro:Gibt es genug Speicherkapazität?

Steve Sawyer:In einem funktionierenden Strommarkt und bei einem starken Netz, das Wind- und Sonnenstrom aufnimmt und von Irland bis St.Petersburg reicht, braucht es nur geringe Speicherkapazitäten. Es braucht auch nur wenig Speicherkapazitäten, wenn ein Stromsystem zu 100 Prozent auf erneuerbaren Quellen beruht und dabei eine kluge Mischung zwischen intelligenten Netzen, Sonnenenergie und Energie aus Biomasse in den Gebäuden selbst  aufweist. Wenn diese Quellen so nahe wie möglich am Verbrauch liegen, dann verringert dies die Verluste durch den Energietransport.

Elana Caro:Wie wollen Sie den öffentlichen Widerstand gegen Hochspannungsmasten und gegen immer neue Windmühlen überwinden?

Steve Sawyer:Am Ende ist es eine Frage der politischen Entscheidung, und diese Entscheidungen sollten auf nationalem Niveau getroffen werden. Die Herangehensweise unterscheidet sich von Land zu Land. Spanien hat sich für die Windenergie entschieden, weil es auf wirtschaftliches Wachstum, auf die Entwicklung ländlicher Gebiete und auf die Unabhängigkeit der Energieversorgung gesetzt hat. Dabei hat es auch in Spanien stets wortstarke Gegner gehabt. Wir müssen akzeptieren, dass nicht immer jedermann vollständig zufrieden sein wird.

Elana Caro:Mit welchen Themen beschäftigt sich die Windbranche derzeit?

Steve Sawyer: Der Schwerpunkt des Marktes hat sich auf dramatische Weise nach Asien verschoben. Europa muss seinen technologischen Vorsprung und seine Führung aufrechterhalten in einer Zeit, in der die Windkraft auf hohe See geht und komplexe Windmühlen zur Norm werden. Da ist Europas Nische. Europa kann den Wettbewerb nicht mehr über die Menge führen, sondern muss auf Qualität und seinen technologischen Vorsprung setzen. Noch hat Europa den Vorteil des Pioniers.

 

Zur Person:
Steve Sawyer ist seit 2007 als Generalsekretär des Weltwindenergierates der weltweit oberste Interessenvertreter der Windindustrie. Der US-Bürger war zuvor unter anderem Chef von Greenpeace USA und Greenpeace International. Der Weltwindenergierat (Global Wind Energy Council) mit Sitz in Brüssel vertritt 1500 Unternehmen und Organisationen, darunter die grössten Windturbinenhersteller und 99 Prozent der installierten Kapazität.

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