Hippies mit Geschäftssinn

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Geschrieben von: Nena Weibel, Zug 07.03.11
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Der Kosmetikhersteller Lush stellt seine Produkte so nachhaltig wie möglich her. Mitbegründerin Rowena Bird wünscht sich mehr Unternehmen wie Lush und lobt die Schweizer für ihre kritische Haltung.

Nena Weibel: Lush gibt es nun seit dreissig Jahren. War Nachhaltigkeit und Umweltschutz für Sie als eine der Mitgründerinnen schon immer ein Thema?

Rowena Bird: Ich arbeite nun seit dreissig Jahren mit dem gleichen Team. Schon von Anfang an, als man sich noch nicht so viele Gedanken über unsere Umwelt gemacht hat, lag uns der Schutz unserer Umwelt sehr am Herzen.

Nena Weibel: 65 Prozent Ihrer Produkte haben keine Verpackung. Werden in Zukunft noch mehr Produkte im „Nude Style“, also ohne Verpackung, zu kaufen sein?

Rowena Bird: Am schönsten wäre natürlich, gar keine Verpackung mehr zu haben. Das wird allerdings nicht passieren. Wir sind spezialisiert auf feste Produkte, so machen wir auch festes Shampoo, also Shampoo Bars. Doch unsere Kunden erwarten ebenso Flüssig-Shampoos in unserem Sortiment. Wir wollen aber sicherstellen, dass unsere Fläschchen beispielsweise so umweltfreundlich wie auch nur möglich hergestellt werden. Sie werden aus rezyklierten Materialien hergestellt und sind danach auch wieder rezyklierbar.

Nena Weibel: Kunden können die alten Verpackungen in die Lush-Läden zurückbringen. Findet diese Idee Anklang?

Rowena Bird: Momentan werden etwa 30 Prozent der Verpackungen zurückgebracht. Wir ermutigen unsere Kunden sogar, ihre eigenen Behälter mitzubringen, was leider nicht viele tun. Auch Plastiksäcke boykottieren wir und rufen in Kampagnen dazu auf, in anderen Shops keine Plastiksäcke zu nehmen. Deshalb haben wir auch die speziellen Geschenkverpackungen reduziert und benützen nun Tücher, um die Geschenke einzuwickeln. Diese Tücher werden entweder aus Vintage fabriziert, sprich rezyklierbal, oder wir verwenden Rohstoffe, die aus unseren alten Fläschchen hergestellt wird. Oder aber sie sind aus biologischer Baumwolle  von einem Fair-Trade Projekt aus Indien gefertigt. Doch im Endeffekt würden wir dem Kunden die Seife am liebsten direkt „nackt“ in die Hand drücken.

Nena Weibel: Werden bei der Produkt-Herstellung auch synthetische Stoffe verwendet?

Rowena Bird: Synthetische Stoffe werden nur wenige verwendet, nur einige Konservierungsmittel. Die Menge dieser Stoffe  in unseren Produkten ist aber weitaus geringer als das bei anderen Herstellern der Fall ist. Etwa 75 Prozent unserer Produkte müssen nicht einmal haltbar gemacht werden, da sie fest sind. Zudem stellen wir alles frisch und durch Handarbeit selbst her, denn uns liegt es am Herzen, wirksame Produkte mit frischen biologischen Zutaten anzubieten. Uns ist die schnelle Verwendung wichtig und somit können wir die Höhe der verwendeten Konservierungsstoffe auf ein Minimum beschränken. So wird auch immer nur eine kleine Menge dieser synthetischen Stoffe in die Kompostierung einfliessen. Und das Schöne an allen Produkten ist: Die Abfallprodukte sind allesamt kompostierbar.

Nena Weibel: Die Lush-Produkte werden frisch und von Hand zubereitet. Eine teure Methode...

Rowena Bird: Es ist sicher der teurere Weg, etwas herzustellen. Aber am Ende des Tages können wir unseren Planeten ja nicht erneuern. Die Kosten sind also tragbar und wir machen immer noch einen gewissen Profit. Wir sind zwar Kreative und Hippies, aber gleichzeitig auch Geschäftsleute, die am Ende des Tages eine positive Bilanz ziehen wollen.

Nena Weibel: Erklärt das dann auch den etwas höheren Preis der Lush-Produkte?

Rowena Bird: Ja, man zahlt für die Qualität der Zutaten, nicht für eine hohe Profitmarge seitens unseres Unternehmens. Aber der Hauptgrund, weshalb wir keine Verpackung verwenden, liegt darin, dass der Kunde nicht mehr für die Hülle zahlen soll als für das Produkt selbst, was bei der Konkurrenz häufig der Fall ist. Wir haben niemals bewusst ein Produkt hergestellt, dessen Verpackung teurer ist, und das wird auch so bleiben. Wir wollen die Produkte erschwinglich machen. Aufgrund der hohen Qualität der verwendeten Inhaltsstoffe können die Produkte aber nicht billiger verkauft werden. In der Parfum-Industrie gibt es viele Gauner, die etwa synthetisches Rosenöl herstellen, gleicher Duft aber billiger. Doch der Effekt ist einfach nicht der gleiche. Wir wollen Qualität und die kostet eben.

Nena Weibel: Abgesehen von Verpackung, wie steht es mit der Umweltfreundlichkeit der Inhaltsstoffe?

Rowena Bird: Es gibt immer etwas zu verbessern und wir tun es, so schnell wir können. Wir versuchen, wenn immer möglich, die Herkunft einer Zutat genauestens in Augenschein zu nehmen. Beispielsweise bei Kokosnussöl: Hier sind wir auch direkt vor Ort in Indonesien auf Hinako, kooperieren mit den dortigen Bauern und stellen sicher, dass die Anpflanzung nachhaltig geschieht. Auch die Leute, die für die Kokosnuss-Ernte und die Herstellung des Öls zuständig sind, werden fair bezahlt. Wir bieten auch Kinderkrippen-Plätze an und garantieren faire Arbeitsbedingungen. Die Arbeiter müssten also aufgrund einer Schwangerschaft oder Krankheit nicht auf ihren Lohn verzichten.

Nena Weibel: Gehen dabei nicht Arbeitsplätze in Europa verloren, wenn die Produktion ins billigere Ausland verlagert wird?

Rowena Bird: Wenn wir die Produktion näher zu uns holen können, tun wir es. So haben wir beispielsweise die Herstellung der schwarzen Töpfchen, die zuvor in China hergestellt wurden, 2009 zurück nach Grossbritannien geholt. Wenn der Kunde ein gebrauchtes Töpfchen zu uns zurückbringt, können wir sie direkt zur Fabrik überliefern, wo sie wiederum rezykliert werden. Dann werden sie erneut gefüllt und verkauft - ein geschlossener Kreislauf, der für unsere Kunden transparent ist. Wir versuchen, den Kunden einen tieferen Einblick zu ermöglichen, was wir genau tun, wie wir es tun und wohin wir gehen. Leider sind viele Leute gar nicht so interessiert an diesem Hintergrundwissen. Aber wenn sie es sind, freuen wir uns umso mehr. Unser Ziel ist, dass jeder uns kopiert und nicht dass wir eines der wenigen Unternehmen sind, die so agieren.

Nena Weibel: Sind Ihre Kunden also sensibilisierter in Bezug auf Umweltschutz?

Rowena Bird: Ja, es wird immer mehr nachgefragt. Das schätzen wir sehr, denn dadurch werden wir auf allfällige Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht. Dennoch denke ich nicht, dass jeder auf die Nachhaltigkeit der Kosmetik-Produkte achtet, obschon auch die grossen Kosmetik-Unternehmen sich zu verbessern scheinen.

Nena Weibel: Inwiefern? Worin unterscheidet sich denn Lush von anderen Kosmetik-Konzernen?

Rowena Bird: Manche der grossen Unternehmen geben sich mehr Mühe darin, etwas zu verstecken, statt es zu verbessern. So etwas nennt man „Greenwashing“ und ist leider immer noch Gang und Gebe bei den grossen Konzernen, die zwar Umweltschutz als Aushängeschild benützen, sich aber nur dahinter verstecken. Es wäre schön, wenn mehr Leute davon in Kenntnis gesetzt würden, dass viele Produkte nicht nur „grün gewaschen“, sondern auch an Tieren getestet werden. Wenn wir von Lush das auch täten, würden wir unsere Unternehmenspolitik ein Stück verraten, denn Umweltschutz und Nachhaltigkeit ohne Tierversuche stehen bei uns oberster Stelle.

Nena Weibel: Statt dem Zug benützen Sie das Flugzeug, um nach Grossbritannien zurückzukehren: Wie wichtig ist Ihnen persönlich der Schutz unserer Umwelt?

Das Unternehmen

Mit einem Jahresumsatz von 79,3 Millionen Pfund im Jahr 2009 erfreut sich das Kosmetik-Unternehmen Lush einer immer grösseren Beliebtheit. Die Öko-Kosmetikkette legt seit ihrer Gründung ein besonderes Qualitätsverständnis an den Tag – alle Artikel werden aus Obst, Gemüse, ätherischen Ölen von Hand hergestellt, weitgehend frei von Konservierungsmitteln. So hat sich das Unternehmen bald das Image aufgebaut, als „Ethical Brand“ zu den wenigen „Guten“ in der Kosmetik-Branche zu gehören. Nach wie vor fallen schätzungsweise bis zu 100‘000 Tiere pro Jahr den Testversuchen der Kosmetik-Industrie zum Opfer. Der Verkauf von an Tieren getesteten Produkten ist in der EU seit 2009 zwar verboten, dennoch können Firmen durch Verlagerung ins Ausland dieses Gesetz umgehen. Auch ansonsten hinkt die Kosmetik-Industrie in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz hinterher. Die Firma Lush hat es sich zum Ziel gesetzt, dem entgegenzuwirken und freut sich, dass die Leute zunehmend sensibilisierter agieren beim Kauf von Körperpflegeartikel und sonstigen Kosmetik-Produkten.

Rowena Bird: Ja, das ist eine gemeine Frage. Ich liebe es, zu reisen und wenn ich eine pure Umweltschützerin wäre, würde ich wohl nicht so viele Reisen unternehmen. Aber ich liebe unseren Planeten und möchte ihn entdecken. Wenn es jedoch möglich ist, ziehe ich die Zugreise vor. Auch zur Arbeit nehme ich immer öffentliche Verkehrsmittel, niemals das Auto. In die Schweiz musste ich allerdings fliegen, es hätte mich sonst einen ganzen Tag gekostet. Aber wir versuchen stets, immer gleich mehrere Länder in ein Land einzuladen, sodass sich die Zahl der Flüge beschränkt.

Nena Weibel: Achten Sie beim Kauf Ihrer eigenen Kosmetika denn auch auf deren Herkunft und umweltfreundliche Herstellung?

Rowena Bird: Ich stelle nahezu alles selbst her. Einzig Mascara kaufe ich – aber nur wenn ich mir sicher sein kann, dass es weder umweltschädlich ist noch an Tieren getestet wurde. Das ist das Schöne wenn man selbst in dieser Branche arbeitet: Ich kann alles herstellen, so wie ich es will (lacht).

Nena Weibel: Sie sind zum ersten Mal in der Schweiz: Sehen Sie einen Unterschied zwischen den Schweizern und den Briten was Umweltschutz angeht?

Rowena Bird: Ich denke, die Schweizer sind besser informiert, sie hinterfragen mehr. Das gefällt mir sehr an der Schweiz. Ihr seid sehr anders als der Rest von Europa und ich arbeite immer gerne mit Schweizern zusammen. Und endlich habe ich auch Lush-Läden in der Schweiz besucht, was mich beeindruckt hat.


Zur Person:
Die 45jährige Rowena Bird begann bereits früh ihre Karriere in der Kosmetik-Branche als Schönheitstherapeutin. Schon bald stiess sie zu der kleinen Produktionsfirma Constantine and Weir (C&W), die von den späteren Mitgründern von LUSH geführt wurde. Dort vertiefte sie ihr Wissen und Gewissen im Umgang mit der nachhaltigen Erfindung von Kosmetik-Artikeln und überzeugte mit ihrem Händchen für kommerziellen Erfolg und Innovativität. So war sie 2005 nebst Mark und Mo Constantine sowie Elizabeth Weir an der Gründung des Unternehmens Lush mit Hauptsitz in Poole (GB) beteiligt und ist auch heute noch ins Alltagsgeschäft des „Seifenladens“ stark involviert. Rowena Bird ist Mitgründerin und Produkt-Erfinderin von Lush und hat massgeblich zu der Etablierung der Lush-Stores in vielen Ländern beigetraten.

Bild: Lush (zvg.)

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