New York und die gesamte Nordostküste der USA erleben zum zweiten Mal in diesem Winter ein gewaltiges Schneechaos. Mehr als 40 Zentimeter Schnee fielen allein in New York. Betroffen sind rund 55 Millionen Menschen in der Region. Der Weg im East Village von New York zum Café an der Ecke zum kleinen Frühstück mit Kaffee und einem Käsecreme-Bagel war gestern Morgen ein Gang durch das weiße Chaos aber auch ein Erlebnis von guter Nachbarschaft, gegenseitiger Hilfe und der sprichwörtlichen Zähigkeit der New Yorker. Mehr als 40 Zentimeter Schnee – genau gemessen waren es 46 – hatte ein Blizzard in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag über New York und der weiteren Umgebung abgeladen. Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats fiel an einem einzigen Tag soviel Schnee. Fünf Schneestürme haben den Nordosten der USA in diesem Winter schon heimgesucht. Weiße Decke über dunklem Frust Der Anblick war einfach schön. Bäume, Strassen, Feuerwehreinfahrten und die Häuser lagen unter einer blendend weißen Decke. Vordächer machten das Gehen im Tiefschnee etwas leichter. Überall standen Autofahrer und versuchten, ihren Wagen mit Schaufel und Besen frei zu bekommen. Hundebesitzer standen zusammen und schwatzten, während ihre Vierbeiner frierend an den Leinen zogen, um aus der Kälte zu kommen. „Wie geht es Dir, Junge?“ fragte Angel Derida, ein Puertorikaner, der als Hausmeister ein Gebäude in der Elften Strasse Ost zu versorgen hat. Derida steht an die Hauswand gelehnt und schlürft heißen Kaffee aus einem Plastikbecher. Tat tut offenensichtlich gut, denn plötzlich sagt er: „Ich muss weitermachen“ und greift zur Schneeschaufel. Frustration und Ärger werden von der Schönheit der winterlichen Stadtlandschaft zugedeckt. Aber sie sind nicht weg. „Das ist nichts für alte Leute“, schimpft ein älterer Mann, der seiner älteren Frau über eine Pfütze mit schmutzigem Tauwasser hilft, aufgetaut durch Unmengen von Streusalz. Dann gehen beide langsam und vorsichtig mit ihren Einkaufstüten auf dem geräumten, aber glatten Gehweg weiter. Insgesamt 91 Zentimeter Schnee sind in diesem Januar schon in New York gefallen. Noch nie wurde in einem Monat soviel Schnee in der Metropole gemessen, seit die Wetteraufzeichnungen 1869 begonnen haben, berichtet der Nationale Wetterdienst der USA. Der Winter 2010/2011 steht an sechster Stelle in der Liste der schneereichen Winter. Bisher. Und bisher hat es in diesem Winter 144 Zentimeter Neuschnee gegeben. Die New Yorker, die angeblich mit allen Schicksalsschlägen fertig werden, beginnen weich zu werden. Schneemüdigkeit macht sich breit. Die Fahrt oder der gang durch die Stadt werden bei den Schneemassen zum Abenteuer. Einige Geschäfte haben an diesem Freitag gar nicht erst geöffnet. auch einige Behörden bleiben zu, sodass sich mancher New Yorker fragt, ob er nicht ohnehin lieber zuhause bleiben soll. Manche New Yorker haben schlicht die Nase voll von der weißen Pracht. Wie Diana Biedermann, eine Publizistin aus Manhattan: „Wann schneit es mal nicht?“ fragt sie entnervt. Sogar New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg gab zu, dass die New Yorker eine Schneepause dringend brauchen. Im dicken blauen Skipullover trat er vor die Presse und sagte: „New York City hat fast nie einen Schnee-Tag. Aber heute ist eben ein solch seltener Tag.“ Bloomberg hat Recht, denn New York liegt ziemlich südlich, auf derselben geografischen Höhe wie in Europa Neapel. Auch Obama steckte Schneechaos fest New York steht mit dem Chaos-Wetter nicht allein da. Auch in Connecticut, Massachusetts, New Jersey, Ost-Pennsylvania und der Bundeshauptstadt Washington fiel Schnee, mindestens 30 Zentimeter an diesem Tag. Rund 630.000 Haushalte und Geschäfte waren an der Ostküste stundenlang ohne Strom. Auf 55 Millionen bezifferte NBC-Moderator Brian Williams die Zahl der vom Schneechaos betroffenen Bürger. In Washington stand der Verkehr am Freitag still. Die Flughäfen der Region blieben fast völlig geschlossen. Allein in New York wurden 2100 Flüge gestrichen. Sogar US-Präsident Barack Obama wurde ein Opfer des Schnees. Sein Hubschrauber konnte am späten Donnerstagabend nicht starten, sodass er von einem Militärflugplatz in Virginia mit dem Auto zum Weißen Haus fahren musste. Der Weg, normalerweise 45 Minuten, dauert Stunden. Der Schnee wischte alle Privilegien des Führers der westlichen Welt hinweg, der auf der verschneiten Autobahn im Stau stand wie jeder andere Amerikaner auch. Hohe Kosten für Stadt und Staat Der gewaltige Blizzard vom 26. Dezember hatte New York lahm gelegt. Sogar Menschen waren ums Leben gekommen. Bürgermeister Bloomberg hat die Lehren daraus gezogen und jetzt sofort den Notstand ausgerufen und die Schulen schließen lassen. Er ließ 1700 Schneeräumfahrzeuge auffahren und stellte 1500 zusätzliche Stadtarbeiter ein, um den Schnee wegzuschaufeln. Das „Schnee-Budget“ von 38 Millionen Dollar im Stadthaushalt ist längst überzogen. New Jersey hat schon fünf Millionen mehr ausgegeben als die für den ganzen Winter veranschlagten 20 Millionen. Die Schäden sind beträchtlich, auch die der Privaten. 730 Autos wurden bei Unfällen zwischen New York und Philadelphia zerstört. Und in Massachusetts hat man ausgerechnet, dass jeder Inch (2,5 Zentimeter) Schnee den Bundesstaat 15.000 Dollar kostet. „Und wir haben erst Januar“, sagt Meteorologe Tim Morrin vom US-Wetteramt und fügt ironisch hinzu. „Februar und März kann uns noch viel Freude bringen.“ Bild: New York, Lexington Avenue and E 79th Street, Orchidgalore. Flickr
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