In dieser Woche findet in China die grösste Völkerwanderung der Welt statt. Denn man begeht Neujahr und wer kann, fährt nach Hause. Voraussichtlich werden 700 Millionen Menschen unterwegs sein. Und der Schwarzmarkt für Bahntickets floriert, denn die Schienen stehen hoch im Kurs.
Was für den Westen Weihnachten ist, ist den Chinesen das Frühjahrsfest chūnjié und dann wird die Familie besucht. Das Phänomen des rekordverdächtigen Ansturms an Reisenden während der insgesamt vierzigtägigen Neujahrssaison wird sogar mit einem eigenen Begriff belegt: „Chun Yun“. Offiziellen Schätzungen des chinesischen Verkehrsministeriums zufolge werden 2,85 Milliarden Einzelreisen auf Strassen und Schienen, zu Wasser und in der Luft unternommen werden. Das bedeutet, dass wohl um die 700 Millionen Chinesen, so die Schätzung weiter, an der Reisewelle teilnehmen werden: Jeder zweite Chinese packt seine Taschen. Das sind 200 Millionen mehr Menschen, als die Europäische Union an Einwohnern hat. Etwa 230 Millionen Chinesen werden die Schiene nutzen, was einer Steigerung der Passagierzahlen von 12,5 Prozent entspricht. Offiziell beginnt die einwöchige Ferienzeit am 3. Februar, doch ihren Trip treten viele Reisende bereits Tage zuvor an. Es wird erwartet, dass die Hauptreisewelle bis zum 27. Februar anhalten wird.
Von Beobachtern wird diese Welle als die grösste Völkerwanderung der Welt bezeichnet. Besonders die weit mehr als 200 Millionen Wanderarbeiter haben oft nur einmal im Jahr die Gelegenheit, Festtage im Kreis ihrer Familie am Heimatort zu verbringen. „Ich werde von Shanghai aus etwa 35 Stunden brauchen, bis ich in meinem Heimatdorf ankomme – sofern das Wetter keine Probleme macht“, so die Wanderarbeiterin Liu Yangshen, die in einem Shanghaier Restaurant arbeitet und ihre Eltern in der Nähe von Chongqing besuchen wird. Und nicht nur sie nimmt einen langen Weg auf sich, denn Reisen von mehr als 2.000 Kilometern sind keine Seltenheit.
Verstärkt wird die hohe Mobilität zum Neujahrsfest aber auch durch eine aufstrebende urbane Mittelklasse, die sich zur Ferienzeit zunehmend touristische Reisen leistet. Ein stark im Wachstum begriffener Trend sind besonders Auslandsreisen: Im Gesamtjahr 2011 werden nach Schätzungen der Chinesischen Tourismusbehörde 57,4 Millionen Auslandsreisen erwartet. Laut der Welt-Tourismusorganisation UNWTO stiegen im Vorjahr die Ausgaben chinesischer Auslandstouristen um 17 Prozent.
Streckenausbau auf vollen Touren
Dem wegen Chinas dynamischer Wirtschaft ohnehin verstärkten Passagieraufkommen musste man in China durch systematischen Kapazitätsausbau entgegen kommen. So wurden in den letzten fünf Jahren allein 15.000 Kilometer an neuer Schienenstrecke verlegt, 290 neue Bahnhöfe errichtet und knapp 9.000 neue Züge in Betrieb genommen, davon sind 480 Hochgeschwindigkeitszüge. Dennoch rechnet man mit Komplikationen. Auf wichtigen Hauptstrecken wurde der Frachttransport zurückgefahren, um mehr Kapazitäten für Passagierzüge freizulassen. Fast 300 Extrazüge pro Tag werden eingesetzt, daneben werden 500 Dieselloks als zusätzliche Reserve bereitgestellt. Damit möchte man sicherstellen, dass sich eine Situation wie im Frühjahr 2008, als Millionen Reisende wegen eines Kälteeinbruchs tagelang auf Bahnhöfen verharren mussten, auf keinen Fall wiederholt. Bis 2012 ist laut Eisenbahnministerium ein Schienennetz von 110.000 Kilometern geplant, 13.000 Kilometer davon als Hochgeschwindigkeitsstrecken. Vor kurzem wurden Verträge über den Bau neuer Streckenverbindungen mit Laos und Thailand unterzeichnet, die bis 2015 realisiert werden sollen.
Stress auf Reisen
Währenddessen läuft das Tagesgeschäft harzig. Denn trotz der Einführung zusätzlicher Verkaufsstellen, online-Buchungen und Telefon-Hotlines gab es Engpässe. Besonders bei den Ticketverkäufen in Bahnhöfen kam es zu langen Wartezeiten. Ein Teil des Fahrkartenkontingents landete wie bereits in den Jahren zuvor auf dem Schwarzmarkt, doch auch hier gelobt die Bahnbehörde Besserung: 1.800 Schwarzhändler seien festgenommen worden, sagte der stellvertretende Bahnminister Wang Zhiguo am vergangenen Samstag. Die Lage ist ernst: Im Internet gab es auch in diesem Jahr Berichte über tumultartige Szenen. Ein leer ausgegangener Mann in der Provinz Zhejiang soll aus Protest nackt durch die Bahnstation gerannt sein und von Verantwortlichen Erklärung verlangt haben.
Diese Verhältnisse haben natürlich Auswirkungen auf den Preis: Nach Angaben des Online-Portals Chinese Car News sind in Peking die Gebühren für Mietwagen in den letzten Wochen bis auf das Dreifache gestiegen, nicht zuletzt wegen der Beschränkung von Neuzulassungen in der Hauptstadt seit Jahresanfang. Einen möglichen Ausweg bietet jedoch eine neue Webseite, die Fahrgemeinschaften vermittelt. Bereits 12.000 Menschen sind registriert, immerhin 200 Fahrgemeinschaften wurden bereits aus Peking in die Provinz gebildet, man hofft auf mindestens 50.000 Nutzer bis Jahresende.
Bild: Reisende anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes - das Kind trägt die hierfür klassische Kleidung. (chinesenewyear2011)
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