Angst vor dem Winter

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Geschrieben von: Sandra Titi-Fontaine/InfoSud, Genf 03.12.10
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Bisher sind 12 Millionen der 21 Millionen Betroffenen der Hochwasserkatastrophe in Pakistan nicht nachhause zurückgekehrt. Doch nun kommt der Winter, die Hilfe erreicht die Betroffenen nur schleppend, sagt Karl Schuler vom Schweizerischen Roten Kreuz.

Sandra Titi-Fontaine: Was ist derzeit die grösste Sorge für die Betroffenen des Hochwassers in Pakistan?

Karl Schuler: Mit dem Winter werden die Nachttemperaturen unter Null fallen. Die Berge werden schneebedeckt sein. Viele derer, die in ihre Dörfer zurückgekehrt sind, haben keine Mittel, sich gegen die Kälte zu wehren.

Sandra Titi-Fontaine:Hat ihnen der pakistanische Staat nicht Hilfe versprochen?

Karl Schuler: Derzeit heisst das magische Wort «Watankarte», übersetzt nationale Karte. Damit zahlt die pakistanische Regierung jeder Familie 20‘000 Rupien, umgerechnet 250 Franken. Das ist viel für Menschen, die nichts haben. Aber es reicht nicht aus, um sich ein neues Leben aufzubauen. Auf dem Land kostet ein Haus zwischen 800 und 1000 Franken.
Bisher ist nur ein kleiner Teil dieser Hilfe ausgezahlt worden. Die Bedingungen, die an diese Hilfe geknüpft sind, sind sehr strikt. Viele der Menschen haben aber alles verloren in den Fluten, auch die für die Hilfe nötigen Papiere.

Sandra Titi-Fontaine:Welche Langzeitfolgen wird diese Katastrophe haben?

Karl Schuler: Pakistan hat immer eine Binnenwanderung gekannt. Das hat auch früher Folgen gehabt. So gibt es in der Provinz Sindh Spannungen zwischen den Einheimischen, eben den Sindhi, und den in den letzten Jahrzehnten aus dem Norden eingewanderten Paschtunen. Die Hochwasserkatastrophe wird die Binnenwanderung noch verstärken.
Man weiss, dass einer von neun Pakistanis von der Katastrophe betroffen ist. Es ist aber schwierig zu sagen, wieviel Betroffene in ihre Dörfer zurückkehren werden. Immerhin hat man sehen können, dass viele Betroffene mit der Hilfe ihrer Familien zurückkehren. Diese Hilfe der Familie ist in meiner Sicht die wichtigste Hilfe überhaupt.

Sandra Titi-Fontaine:Die westlichen Staaten haben ihre Hilfszusagen an Reformen im Land gebunden, gerade auch Reformen des Staatshaushalts. Hat der Westen kein Vertrauen in die pakistanische Regierung?

Karl Schuler: Nur ein kleiner Teil der Mittel fliesst durch die pakistanische Regierung.  Die internationale Gemeinschaft hegt ein Misstrauen gegen sie, gerade auch wegen der Korruption.

Sandra Titi-Fontaine:Ist die pakistanische Regierung in der Lage, sich zu reformieren ?

Karl Schuler: Überhaupt nicht. Das liegt aber nicht unbedingt an schlechtem Willen. Im Augenblick verfügt die Regierung nur über eine einzige logistische Organisation, und das ist die Armee. Das überrascht auch nicht. Denn vor dem Hochwasser waren 30 bis 50 Prozent der Staatsausgaben für den Militärapparat bestimmt, auf Kosten der Investitionen in das Gesundheitswesen und die Bildung.
Die Regierung ist sehr zentralisiert. Die Gemeinden haben keine Autonomie und kein Budget. In weiten Teilen des Landes sind der Staat und die öffentlichen Dienstleistungen kaum präsent oder sogar abwesend.
Die politischen Parteien wie die regierende Pakistanische Volkspartei sind auf lokaler Ebene sehr gut verankert. Sie sind aber vor allem mit den Grossgrundbesitzern und den einflussreichen Industriellen verbunden. Das stärkt nicht gerade die Demokratie.

Zur Person:
Karl Schuler vom Schweizerischen Roten Kreuz hat kürzlich Pakistan besucht.

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