Ethik gehört zu Nachhaltigkeit

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Wolfsberg 26.11.10
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Mit Nachhaltigkeit Geschäfte zu machen, ist ein guter Anfang für den Finanzmarkt, um sich zu erneuern. Doch man dürfe hier nicht stehenbleiben, sagt Ethiker Christoph Weber-Berg von der Hochschule für Wirtschaft, Zürich. Sonst habe man Nachhaltigkeit nicht verstanden.

Yvonne von Hunnius: Was fehlt Ihnen bei allen Nachhaltigkeitsoffensiven mancher Finanzmarktakteure?

Christoph Weber-Berg:Wir müssen noch mehr verstehen, dass Nachhaltigkeit im Kern ein ethisches Konzept ist. Denn sonst haben wir nicht verstanden, was Nachhaltigkeit bedeutet. Nachhaltigkeit braucht einen normativen Anker. Warum sollen wir überhaupt nachhaltig sein? Es braucht den Menschen nicht, wir sind der grösste Störfaktor. Deshalb müssen wir begründen, warum die Welt nicht besser sein soll, wenn es uns nicht gibt. Wenn wir das nicht können, dann leben wir nach dem Prinzip „Nach uns die Sintflut“. Gibt es im Kern einen moralischen Grund, warum wir das nicht können? Die Logik des Wirtschaftssystems ist nicht Grund genug, nachhaltig zu sein. Also muss es jenseits des Geschäftsfelds Nachhaltigkeit Gründe geben für Nachhaltigkeit. Beispielsweise könnte man ein Interesse an einer stabilen Weltordnung haben. Wir haben in den letzten dreissig Jahren zu stark auf die Märkte vertraut und uns zu wenig klargemacht, was zum Beispiel der St. Galler Wirtschaftsethiker Peter Ulrich seit Jahren immer wieder betonte: Gesellschaftliche Stabilität ist die Voraussetzung einer funktionierenden Marktwirtschaft und nicht deren „automatisches“ Resultat.

Yvonne von Hunnius: Und warum sehen Finanzmarkt-Teilnehmer das nicht?

Christoph Weber-Berg:Viele Akteure im Finanzsystem gehen davon aus, dass dieses seine eigenen Gesetzlichkeiten hat, die nichts mit Moral zu tun haben, es also amoralisch ist. Ich halte dem entgegen, dass es schon immer mit Moral zu tun hatte: Es basiert auf Voraussetzungen wie Vertrauen. Das ist eine moralisch gehaltvolle Kategorie. Und wenn wir einen gesellschaftlichen Bereich als amoralisch definieren, dann haben die unmoralischen Akteure hier einen systematischen Vorteil. Weil sie sich nicht legitimieren müssen, warum sie unmoralisch handeln. Sie sagen: Hier spielt Moral keine Rolle – solange ich mich ans Gesetz halte, dann ist das o.k. Und diejenigen, die moralisch handeln, haben hingegen reale Kosten oder Opportunitätskosten, weil sie auf bestimmte Geschäfte verzichten.

Yvonne von Hunnius: Brauchen wir, um das zu ändern, die viel beschworene internationale Regulierung, die allen moralisches Handeln aufzwingt, oder gibt es einen anderen Ausweg?

Christoph Weber-Berg:Ich glaube schon. In der Schweiz sind 97 Prozent der Banken in der Bankiervereinigung organisiert. Und wenn alle ein Problem  haben, das sie als moralisch fragwürdig erkennen, dann haben sie eine Organisation, in der sie Initiativen zur Selbstregulierung starten und damit Druck aus internationale Debatten nehmen, oder auch dem Gesetzgeber zuvorzukommen können. Das liegt im aufgeklärten Eigeninteresse und ist ein wichtiger Aspekt: Integeres Handeln kann dem Eingriff dem Gesetzgebers

zuvorkommen. Und daran müssten eigentlich Akteure an freien Märkten interessiert sein.
Vor einem Jahr habe ich zum Beispiel mit einem Liechtensteiner Bankier gesprochen, der sehr früh schon seinen Kunden explizit einen ordnungsgemässen Umgang mit allen Steuerbehörden garantierte. Wenn mehr Banken die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt hätten, wäre in den letzten zwei, drei Jahren unserem Finanzplatz einiges an internationalem Druck erspart geblieben.

Yvonne von Hunnius: Aber braucht man immer das Profitargument, um Ethik durchzusetzen?

Christoph Weber-Berg:Ich sage weder, Profit sei schlecht, noch Ethik müsse immer etwas kosten. Doch wenn wir einfach beim Profitargument stehenbleiben, haben wir nicht verstanden, was Ethik ist. Da muss der langfristige Aspekt hineinspielen, ein breites Verständnis davon, was unternehmerischer Erfolg  oder Wertschöpfung bedeutet. Wir können ja in einem Unternehmen Werte vernichten, um finanzielle Werte zu schaffen. Wertschöpfung bedeutet aber die Schaffung von Werten in verschiedenen Dimensionen. Der Konstanzer Wirtschaftsethiker Josef Wieland spricht von der Leistungsdimension, die sich finanziell am einfachsten ausweisen lässt, sowie von den Dimensionen der Moral, der Kommunikation und ganz zentral: der Kooperation. Die Kooperationsbereitschaft der relevanten Anspruchsgruppen ist ein enormes Wertschöpfungs- und Erfolgspotenzial eines Unternehmens.

Yvonne von Hunnius: An welchem Grundverständnis des Systems könnte man ansetzen, um solches Denken voranzutreiben?

Christoph Weber-Berg:Es gibt Theorien, die von der Wissenschaft im analytischen Interesse entwickelt wurden und durch die Hintertür normatives Gewicht erhalten. Die Principal-Agent-Theorie zum Beispiel analysiert, welche Anreize zwischen Eigentümern und Management eines Unternehmens dazu führen, damit Manager im Interesse der Eigentümer handeln. Erlangt die Theorie normatives Gewicht, bedeutet das: Manager müssen mit finanziellen Anreizen dazu gebracht werden, im Sinne der Eigentümer zu handeln. Man hat das ja an der Hochschule so gelernt. Daraus kann eine immer schneller drehende Spirale entstehen. Ein anderes Grundverständnis kann sich entwickeln wenn wir anfangen, Modelle mit durchaus hohem Erkenntniswert von normativen Handlungsanleitungen zu unterscheiden. Wenn ein Modell uns Einsichten in menschliches Handeln ermöglicht heisst das noch nicht, dass wir das reale Leben nach diesen Modellen gestalten müssen.

Yvonne von Hunnius: Ist dann die Hochschule zum Teil Mitschuld an den Problemen des Finanzsystems?

Christoph Weber-Berg:Natürlich. Als Hochschullehrer sage ich: Wir tragen kollektiv ein Stück Mitverantwortung, indem wir die Studierenden zu sehr mit mathematischen Modellen und sozialtechnischen Tools ausgestattet haben und sie zu wenig auf die tatsächlichen Herausforderungen, auch und besonders die ethisch bedeutsamen, des Management-Alltages vorbereit haben. An der Hochschule für Wirtschaft ist das Fach Ethik und Unternehmensverantwortung inzwischen in alle Studiengänge integriert und obligatorisch. Und da will ich die ethischen Kompetenzen, die ich bei allen Studenten vermute und voraussetze, mobilisieren und ihnen Instrumente zur Hand geben, die sie in ihrem Berufsalltag nutzen können. Ich versuche ihnen aufzuzeigen, dass wir nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern auch auf der Institutionenebene Lösungen finden müssen.

Yvonne von Hunnius: Haben Sie genügend gute Beispiele am Finanzplatz Schweiz, die Sie anführen können?

Christoph Weber-Berg:In der Schweizer Finanzindustrie gibt es eine Dreiteilung derer, die etwas in Richtung Nachhaltigkeit bewegen: Erstens die Nischenbanken, wie die Alternative Bank, die Freie Gemeinschaftsbank sowie gewisse Privatbanken und Vermögensverwalter, zweitens die Banken, die im breiten Retailgeschäft etwas anstossen, wie die Raiffeisenbank oder viele Kantonalbanken. Drittens haben auch die Grossbanken kompetente Teams und zum Teil sehr gute Angebote in der Perspektive der Nachhaltigkeit.

Ich würde sagen, es bewegt sich etwas, doch wir sind immer noch weit unterhalb dessen, was möglich ist.

Yvonne von Hunnius: War die Krise ein ausreichender Weckruf für Veränderung?

Christoph Weber-Berg:An guten Tagen denke ich, es könnte so sein. An schlechten Tagen denke ich, es hat noch nicht gereicht. Wir sind alle froh, scheinbar wieder im normalen Geschäfts-Modus zu sein und vergessen zu schnell, dass wir eine Systemkrise gesehen haben, die potenziell auch die Schweiz aus den Angeln hätte heben können.
Meine Befürchtung ist, dass man momentan versucht, den Risikobereich in den Griff zu bekommen, die Nachhaltigkeitsthemen aber viel zu wenig mit einbezieht, obwohl es eine Chance gewesen wäre. Ich denke, dass das Potenzial für diesen Bereich in der Schweiz, auch für die beiden Grossbanken sehr gross wäre. 

Yvonne von Hunnius: Wie sehen sie dieses Potential gerade im Hinblick auf Schweizer Gegebenheiten?

Christoph Weber-Berg: Ich plädiere seit Jahren dafür, dass man sich das Alleinstellungsmerkmal „Nachhaltiges Bankwesen“ verpassen könnte. Die Vorzeichen würden alle stimmen: Wir haben eine gute Infrastruktur, immer noch hohe soziale und politische Stabilität, ein hohes Dienstleistungsniveau und ein Land, das sich auch in der Wahrnehmung der Kunden gut mit dem Thema Nachhaltigkeit in Verbindung bringen. Doch man hat sich wohl in den vergangenen Jahren im Zuge der Steuer- Bankgeheimnis-Thematik zu sehr auf die Verteidigung der Positionen eingestellt und zu wenig gewagt, sich auf eine andere Zukunft einzustellen.

Zur Person:

Christoph Weber-Berg ist Leiter des Corporate Social Responsibility Centers der Hochschule für Wirtschaft, Zürich. Er hat an der Universität Zürich Theologie studiert. Daneben arbeitete er im Bankensektor. Nach Studienabschluss nahm er die Tätigkeit als Pfarrer der Reformierten Landeskirche auf und verfasste eine Dissertation in Wirtschaftsethik. Für die Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich baute er die Fachstelle für Wirtschaftsethik auf. Seinen Executive MBA in Nonprofit Management erwarb er an der Universität Freiburg. An den Universitäten Zürich, Basel und Luzern engagiert er sich für den Auf- und Ausbau des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik ZRWP. Anschliessend leitete Weber-Berg den Nachhaltigkeitsresearch bei Forma Futura Invest AG in Zürich.

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