Cleantech-Knowhow ist eine notwendige Voraussetzung für Erfolg, doch keine hinreichende, sagt energiebüro ag-Gründer Christian Meier. Um im hochvolatilen Markt zu punkten, sei mehr gefragt. Sein Solar-Unternehmen wachse und könnte laut Meier noch stärker wachsen.
Yvonne von Hunnius: Ihr Unternehmen hat sich auf Solar-Grossprojekte spezialisiert – was ist besonders an diesen Kraftwerken?
Christian Meier: Selbst die kleinste Anlage, die Strom produziert und ins Netz einspeist, ist ein Kraftwerk. Das Besondere am Grossen ist: Es lohnt sich, darüber lange nachzudenken. Und eigentlich ist es ein Vordenken. Wenn ich bei einem Einfamilienhaus mit einer kleinen Anlage unter 10.000 Franken vier Tage nachdenke, habe ich 4.000 Franken verschenkt.
Yvonne von Hunnius: Man sollte es sofort realisieren?
Christian Meier: Ja. Und man kann es sofort realisieren. Wenn ich eine kleine Küche zuhause einbaue, dann brauche ich keinen Küchenplaner, doch wenn eine grosse Kücheninfrastruktur gebraucht wird, dann kommt der Spezialist zum Einsatz. Und weil wir ein Ingenieurbüro sind und unsere einzige Ressource der Kopf ist, haben wir uns auf die grossen Anlagen spezialisiert. Übrigens ist das mit der ganzen Schweiz so: Die ganze Schweiz ist eine Denkfabrik.
Yvonne von Hunnius: Lohnen sich derlei Grossprojekte ohne umfangreiche Kostendeckende Einspeisevergütung, die KEV, denn?
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Christian Meier: Es gibt viele Wege nach Rom. Die KEV wäre das beste Mittel, weil es für jeden den Zugang ermöglichen würde. Wenn der Deckel nicht wäre. Den gibt es in anderen Ländern wie Deutschland nicht, dort ist das wie ein Grundrecht – neben dem Grundrecht auf Wohnen eben auch ein Grundrecht auf Einspeisung von Solarstrom.
Aber jedes unserer Projekte lohnt sich auf die eine oder andere Weise, das muss es. Die Frage ist nur, wie man „lohnen“ definiert. Wir haben mehr als ein Kraftwerk für Kunden realisiert, weil es für ihn nicht monetär, sondern anderweitig von Interesse war. Es hat positive Aufmerksamkeit erregt und wurde somit aus der Marketingkasse bezahlt. Image ist auch eine Währung – wenn auch viel schwieriger zu berechnen.
Bei richtig grossen Projekten muss das Finanzielle aber selbstverständlich passen. Und da ist es wichtig, dass man den Strom verkauft. Es gibt Modelle grosser Überbauungen, bei denen im Mietpreis schon ein oder zwei Prozent für Solarstrom wettgemacht wurde. Und dafür braucht man keine KEV. Der Investor erhält die Mittel über die Miete wieder zurück.
Yvonne von Hunnius: Über wie viele Jahre muss ein Grossprojekt denn angesetzt sein?
Christian Meier: Die Module haben eine Garantie von 25 Jahren – wenn man bereits nach 17 Jahren schwarze Zahlen erreicht, umso besser. Derlei Investitionen sind eigentlich traditionell der öffentlichen Hand vorbehalten. Für einen professionellen Investor sind 25 Jahre schon relativ viel. Da Langfristigkeit und nicht atemberaubende Renditen gegeben sind, ist die Investition somit nur für ein bestimmtes Investorenprofil interessant: Pensionskassen gehören dazu. Komponenten wie das Glas einer Anlage sind immer noch sehr teuer und da ist diese lange Zeitspanne noch absolut notwendig.
Yvonne von Hunnius: Also lohnt es, wenn die Faktoren eines langfristigen Anlagehorizonts, eines ausgeprägten Aussenwirkungsinteresses und eine Portion Verantwortung gemeinsam auftreten…
Christian Meier: Absolut. Betrachten Sie das Wankdorfstadion. Dort wurde eine Solaranlage realisiert, ohne dass nachträglich in die KEV eingetreten wurde. Der Strom wird erfolgreich verkauft und Ökostrom beigemischt. Dieser Strom, der heute vielleicht doppelt so teuer ist wie normaler grauer Strom, ist vielen Kunden bares Geld wert. Wir zum Beispiel kaufen nur Ökostrom.
Yvonne von Hunnius: Noch ist es nur ein kleiner Teil der Stromkunden, die diese höheren Preise in Kauf nehmen. Denken Sie, die Schweiz ist schon auf einem guten Weg in eine Ökostromzukunft?
Christian Meier: Nein, die Schweiz ist nicht auf einem guten Weg. In Deutschland rechnet sich der Strom inzwischen. Wir brauchen noch ein paar Jahre Anreize, geeignete Rahmenbedingungen, wie sie beispielsweise das Deutsche EEG schafft, in dem egal ob einer Arena oder einem kleinen Haus eine bestimmte Summe zugeschossen wird. In der Schweiz ist die Deckeleinschränkung im Weg. Wenn der Deckel verschwindet, könnte der Solarmarkt explodieren. Wenn wir das wollen.
Yvonne von Hunnius: Unter den gegebenen Umständen – wie gross ist das Interesse momentan?
Christian Meier: Es ist gross, doch das Umfeld ist schwierig. Damit die Solaranlagen finanziell lohnenswert sind, muss ich ziemlich gut über alle Steuervorteile, Zuschüsse, kantonalen Unterschiede informiert sein. Und das ist eben unser Wissen. Somit sind wir eigentlich Anlageberater. Und eins ist klar: Die Zeit der Donatoren ist vorbei, obwohl es sie vereinzelt immer geben wird.
Wir sind mit der energiebüro ag in einem stagnierenden beziehungsweise durch Stop and Go gekennzeichneten Markt gewachsen. Und sich hier zurechtzufinden und gleichzeitig die Sprache der Kunden zu verstehen, das ist die Herausforderung. Wir sind zwar Ingenieure für Solarkraftwerke, doch eigentlich sind wir auch Financial Engineers, Baurecht- und Marketing-Spezialisten.
Yvonne von Hunnius: Inwieweit ist es möglich, diese spezifische Leistung im Ausland anzubieten?
Christian Meier: In jedem Land muss man sich komplett neu orientieren. Knowhow im Cleantech-Bereich ist nicht einfach, im Ausland zu verkaufen. Wir haben wenige Anlagen im Ausland gemacht und uns inzwischen aus den Auslandsmärkten zurückgezogen. Und damit sind wir nicht die einzigen. Ich kenne konkret drei Beispiele, in denen Cleantech-Unternehmen ihre Auslandsaktivitäten wieder gestoppt haben.
Yvonne von Hunnius: Warum?
Christian Meier: Ich vermute, es braucht ein ganzes Cluster. Knowhow ist eine notwendige, doch keine hinlängliche Voraussetzung. Man braucht kulturelles Wissen – wir haben beispielsweise in Deutschland und Spanien gebaut und in beiden Ländern herrschen komplett andere Verhältnisse als in der Schweiz vor.
Yvonne von Hunnius: Unterstützen Sie die These, eine Branche sollte zunächst den Heimmarkt sättigen und dann erst nach aussen gehen?
Christian Meier: Nicht unbedingt. Natürlich ist Erfolg im Heimmarkt wichtig: Wenn VW in Deutschland nicht erfolgreich ist, dann stimmt etwas nicht. Aber zum Beispiel habe ich noch eine andere Firma, Montavent, die Montageteile produziert und wir verkaufen ausschliesslich ins Ausland. Bezüglich der energiebüro ag beobachten wir den hochvolatilen Markt und halten Augen und Ohren offen.
Langfristig ist der Trend nicht aufzuhalten. Es freut mich, dass Sie mich interviewen, doch ich behaupte, dass in zehn Jahren kein Solarplaner mehr interviewt wird, weil es Null-Acht-Fünfzehn sein wird. Ich hoffe, dass ich dann nichts Ungewöhnliches mehr zu sagen habe.
Zur Person: Christian Meier, Dipl. Ing. HTL, ist Gründer und Verwaltungsratsvorsitzender der auf Solarkraftwerke spezialisierten energiebüro ag, Zürich. Zudem ist er Gründer und Vorstand der der montavent AG, Zürich, die Montagelösungen für Solarkraftwerke anbietet. Seit 1991 ausschliesslich im Bereich Erneuerbare Energien tätig, plante und baute er sein erstes Solarkraftwerk bereits 1992. Im Auftrag von Bundesstellen und Berufsverbänden bildete er bereits mehr als 300 Elektroinstallateure, Dachdecker und Starkstrominspektoren im Bereich Photovoltaik aus. Er war viele Jahre aktives Vorstandsmitglied des Sonnenenergie-Fachverbandes und hat in zahlreichen Fachgruppen mitgearbeitet.
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