In der Schweiz hat die Organisation Erklärung von Bern (EvB) zum Boykott der Tomatensorte Toscanella des Schweizer Agrokonzerns Syngenta aufgerufen. Die Unternehmenspraktiken des Saatgut- und Pestizidherstellers stehen schon lange in der Kritik.
Die Tomate Toscanella stammt nicht, wie der Name vermuten liesse, aus der Toscana, sondern aus dem Hause Syngenta. Auch ist Toscanella nicht eine Sortenbezeichnung, sondern eine von Syngenta entwickelte Marke. Vor einigen Tagen hat die Schweizer Organisation „Erklärung von Bern“ (EvB) dazu aufgefordert, die Syngenta-Tomate zu boykottieren. Auch in Deutschland ist Syngenta präsent: Hier finden sich die „Schweizer“ Tomaten Kumato in den Regalen der Supermärkte. Wie Toscanella ist auch Kumato keine Sorte, sondern eine Marke. Die Kritiker prangern den Schweizer Saatgutkonzern Syngenta an, die Herkunft nicht klar zu kennzeichnen und indirekt eine Kontrolle des gesamten Lebenszyklus der Nahrungsmittel anzustreben.
Konzern bei Konsumenten kaum bekannt
Toscanella und Kumato sollen entwickelt worden sein, weil Kunden sich über den faden Geschmack herkömmlicher Tomaten beschwert hätten. Somit ist die Möglichkeit neuer Produkte für Syngenta noch gross: Bei Wassermelonen haben sie ebenfalls für mehr Geschmack gesorgt. Doch diese Entwicklung halten die Experten der EvB für gefährlich. Dubios sei auch die Kommunikation. Erst seit kurzem findet sich auf den Tomatenverpackungen die Internet-Adresse www.toscanella.ch. Doch der Zusammenhang mit Syngenta sei nach wie vor sehr versteckt. Umfragen der EvB hätten ergeben, dass selbst sensibilisierte Konsumenten nicht wüssten, dass Toscanella ein Syngenta-Produkt sei. Und das, obwohl der Konzern einer der ganz grossen ist. Gemeinsam mit Monsanto und DuPont kontrolliert er 40 bis 50 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes. Und inzwischen soll bereits jede siebte Tomate aus dem Hause Syngenta stammen.
Paraquat schon lange in der Kritik
Bei der Herstellung von Pestiziden ist Syngenta bereits weltweit auf Platz eins angelangt. Hiermit erzielt das Unternehmen den grössten Teil seines Umsatzes. Das bekannteste und zugleich umstrittenste Produkt des Schweizer Agrokonzerns ist das Unkrautvertilgungsmittel Paraquat. In der Schweiz ist das Herbizid schon seit über 20 Jahren verboten. Manche grosse Unternehmen wie Lipton, Chiquita oder Dole verzichten bewusst auf das Gift. Im Jahr 2007 wurde Paraquat durch einen Gerichtsentscheid des Europäischen Gerichtshofes die Zulassung in der EU entzogen. Syngenta wehrt sich in einer Stellungnahme mit dem Hinweis, dass Paraquat auch in Ländern mit strengsten Auflagen zugelassen sei, so zum Beilspiel in Australien, Kanada, Japan und den USA. Doch in Schwellen- und Entwicklungsländern führe es jährlich immer noch zu zehntausenden Vergiftungsfällen und mehreren tausend Todesfällen, sagen Kritiker. Kopfschmerzen, Nasenbluten, Atemprobleme, Lungenschäden sowie Verletzungen der Haut und Augen seien keine Seltenheit, denn die Kleinbauern könnten oft nicht lesen und wenn, dann nicht die Sprache der Sicherheitsanweisungen.
Keine Garantie sicherer Anwendung
Entwicklungspolitische Organisationen wie die EvB werfen in diesem Zusammenhang Syngenta eine unverantwortliche Firmenpolitik vor. Die vorgenommenen Schulungen verfehlten ihre Wirkung, wenn genau dort die Vermarktung besonders vorangetrieben werde, wo solcherlei Massnahmen fast unmöglich seien. Eine Studie zeige, dass zum Beispiel in Bangladesch und auf den Philippinen Plantagenarbeiter barfuss und in kurzen Hosen mit Paraquat ans Werk gingen. Sie würden über Risiken und mögliche Schutzmassnahmen nie in Kenntnis gesetzt. Eine Erkrankung sei hier unweigerliche Folge. In diesem Zusammenhang bekommt Syngentas Slogan „bringing plant potential to life“ - auf deutsch „Das Potential von Pflanzen zum Leben erwecken“ - einen leicht makaberen Geschmack.
Krise kann Syngenta nichts anhaben
Doch alle Boykottaufrufe schüttelt der Agroriese ab und gibt sich zudem sozial. Syngenta-Aktien stehen gut an der Börse, Finanzexperten raten zum Kauf. Denn die Finanzkrise hat vor allem dem Schweizer Unternehmen wenig ausgemacht. Anleger wollen davon profitieren, wenn gegen die drohende Nahrungsmittelknappheit neue Produkte entwickelt werden und grossen Absatz finden. Heute schon soll Syngenta 14,5 Milliarden Franken (13 Milliarden US-Dollar / 10 Milliarden Euro) Umsatz machen. Und erst im Mai hat man das Maribo Seed Zuckerrübengeschäft des dänischen Unternehmens Nordic Sugar für ganze 61 Millionen Franken (43 Millionen Euro) erworben. Analysten loben besonders das „innovative Modell“ von Syngenta, das ihnen Einnahmen sichere. Weil es in der Finanzkrise vor allem für Bauern in Schwellenländern schwierig sei, den Einkauf von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut bei ihrer Bank vorzufinanzieren, gehe man ein Gegengeschäft ein: Bauern erhalten Produkte und treten dafür einen Teil der zukünftigen Ernte ab, den die Schweizer an den Warenbörsen auf Termin verkaufen. Ob den Bauern auch Schutzkleidung mit den Produkten geliefert wird, ist ungewiss.
Bilder: (Syngenta)
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