Die Wildnis braucht ihren Raum

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Geschrieben von: Kanyama Butz, Zürich 02.06.10
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Wildnis widerspricht dem Drang des Menschen, die Natur zu beherrschen. Dennoch muss auch der Wildnis Raum gelassen werden, sagt Mario Broggi. Der Mensch muss darauf verzichten, in sie eingreifen zu wollen. Er muss sich aber nicht aus der Wildnis heraushalten – er ist Teil der Natur.

Kanyama Butz: Was bedeutet für Sie Wildnis?

Mario Broggi: Ich habe vor mehr als zehn Jahren selber eine ziemlich neutrale Definition kreiert: „Unter Wildnis wird jener Raum verstanden, in dem wir jede Nutzung und Gestaltung bewusst unterlassen, in dem natürliche Prozesse ablaufen können, ohne dass der der Mensch denkt und lenkt, in dem sich Ungeplantes und Unvorhergesehenes entwickeln kann.“ Unterlassen bedeutet, dass man nicht eingreift und die freie Dynamik der Natur laufen lässt. Das Nicht-Eingreifen ist nicht leicht mit unserem kolonisatorischen Bedürfnis zu verbinden, im Herzen ist der Mensch ein Landwirt, der das Land kultivieren möchte. Als ich diese Definition geschrieben habe, war ich beeinflusst durch eine Wildnis-Debatte Anfang der 1990er Jahre und mir ist dabei folgendes Zitat des amerikanischen Poeten Wendel Berry in Erinnerung geblieben, das im World Watch Report 1992 erschien: „Wir können nicht wissen, was wir tun, solange wir nicht wissen, was die Natur täte, täten wir nichts“.

Kanyama Butz: Weshalb fällt es vielen Menschen schwer, die Wildnis zu akzeptieren?

Mario Broggi: Von der humanistischen Seite her gesehen gibt es wie zwei Welten, eine kontrollierte und eine unkontrollierte. Die kontrollierte Welt ist kultiviert und bewohnt. Die unkontrollierte ist der wilde, dunkle Wald, eben die Wildnis. Man weiss nicht, wer dort lebt, was dort passiert, Sherwood Forrest mit Robin Hood lässt grüssen. Deshalb kann dieser Teil nicht eingeordnet werden und wird eher abgelehnt. Die Wildnis strahlt eine gewisse Unheimlichkeit aus. Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung damit, auch als Kulturbeitrag. Aus ethischer Sicht sollte sich der Mensch fragen, ob es wirklich richtig und notwendig ist, überall die Finger im Spiel zu haben und ein Terrain zu hundert Prozent zu kontrollieren. Oder ob es nicht besser ist, gewisse Teile der Natur zu übergeben, auch mit dem Nichtwissen, was passiert.

Kanyama Butz: Wo beginnt die Wildnis und wo hört sie auf?

Mario Broggi: Wildnis wird mit einer räumlichen Einheit gleichgesetzt, die eine gewisse Grösse hat. In Siedlungsnähe, bei Naherholungsgebieten oder Naturgärten spreche ich eher von Wildheit. Im Grunde steht aber der gleiche Gedanke dahinter. Ich setze mich dafür sehr stark ein. Denn beides hat seine Berechtigung, die Wildnis, wo nicht eingegriffen wird und die traditionelle Kulturlandschaft, zum Beispiel mit Hecken und mit Trockenmauern. Ich bin nicht für ein entweder oder, sondern für ein sowohl als auch.

Kanyama Butz: Wie viel Pflege erträgt die Wildnis, um noch Wildnis zu sein?

Keine. Sobald gepflegt wird, ist es keine Wildnis mehr. Wichtig im Naturschutz ist die Frage, was man erreichen will, also die jeweilige Zielsetzung. Wenn zum Beispiel Orchideen in einem lichten Föhrenwald geschützt werden sollen, dann geht dies nicht mit Wildnis-Überlegungen. Die Natur würde den Wald langsam verdunkeln, bis nur noch wenig Licht durchkommt. Dann wäre es mit den Orchideen vorbei und etwas Neues würde entstehen. Man muss also permanent eingreifen, um die Zielsetzung des Orchideenschutzes zu erhalten.
Zusammen mit einem slowakischen Urwaldforscher besuchte ich zu Beginn des Projekts den Sihlwald (bei Zürich, kb). Neben einer Buche stand eine Fichte. Der Sihlwald ist von Natur aus ein Buchenwald, deshalb wäre es nahe gelegen, die Fichte zu entfernen, um das geplante Wildnisbild schneller zu erreichen und der Natur auf die Sprünge zu helfen. Der Forscher meinte: Du kannst das schon machen, aber weisst du, ob morgen der Blitz in die Buche oder Fichte einschlägt? Du nimmst etwas vorweg, was die Natur vielleicht ganz anders täte. Oft möchte der Mensch der Natur „helfen“, mit dem Ziel, dass sie das vermeintlich richtige Bild schneller erreicht. Doch die Natur entscheidet selber. Am Ende setzt sich die konkurrenzfähigste Pflanze durch. In gewissen Zeitphasen muss man auch negative Folgen bei der freien Dynamik in Kauf nehmen, wenn man die „Natur einfach Natur sein lässt“. So gab es zum Beispiel im Nationalpark Bayerischer Wald eine starke Borkenkäferepidemie, nachdem entschieden wurde, nach einem Sturm entwurzelte und gebrochene Bäume der Natur zu überlassen. Es handelte sich hierbei um eine „Zielwildnis“ mit einer nicht naturnahen Bestockung, die flächig vom Borkenkäfer abgetötet wurde. Jetzt stösst eine natürliche Bestockung nach, die resistenter sein wird.

Kanyama Butz: Wie weit ist es eigentlich möglich, die Wildnis nachzubilden, beispielsweise in botanischen Gärten?

Mario Broggi: Das Ziel botanischer Gärten ist es ja, möglichst viele verschiedene Arten zur Anschauung zu zeigen. Wenn keine Pflege geschieht, verschwinden einige gepflanzte Arten wieder und andere setzen sich durch, deshalb muss der Mensch eingreifen. Sobald grosse Artenvielfalt demonstriert werden soll, ist es nicht mehr möglich, die Gestaltung der Natur zu überlassen. In einem privaten Garten ist eine Art von Wildnis, ich nenne sie Wildheit, schon eher möglich. Der Vegetation kann einfach ihrem natürlichen Verlauf überlassen werden. Jedoch ist hier der Platz begrenzt und zahlreiche andere Elemente aus der Zivilisation nehmen Einfluss.

Kanyama Butz: Können von Menschen bewohnte Regionen auch als Wildnis bezeichnet werden?

Mario Broggi: Wohl nicht in Mitteleuropa, aber in weniger besiedelten Gegenden schon. Ich meine, dass beispielsweise indigene Völker in der Wildnis durchaus ihren Platz haben und nicht ausgeschlossen werden dürfen. Vor allem, da sie ja seit Jahrtausenden in diesem System leben und es nicht zerstört haben, sondern ein Teil davon sind. Gegenstimmen sagen hingegen, Menschen sollen die Wildnis nicht benutzen, doch das ist für mich ein nicht geeigneter Ansatz eines “Käseglocken-Naturschutzes“.
Dieses Nichtverhältnis zur Wildnis hat seinen Grund: gedanklich werden Menschen aus der Wildnis vertrieben. Auch in unseren europäischen Nationalparken werden Kernzonen gebildet, in denen niemand wohnen darf. Doch woher kommt das? Alles „gute“ kommt von Westen, aus Amerika. Dort gibt es riesige unbewohnte Gebiete, die nur zu Fuss oder mit Pferden betreten werden dürfen - sogennante Wilderness areas. Bei einem Land solcher Grösse ist eine solche Forderung nachvollziehbar. Bei uns ist so etwas in grosser Dimension aber weniger vorstellbar. Die Kernzonen in unseren Pärken haben häufig keinen finanziellen Wert, das heisst es gibt keine Entschädigung dafür. In einer Welt, die so monetarisiert ist, darf es aber nicht sein, dass Wildnis keinen Wert hat. Das gibt Probleme mit der Akzeptanz im ländlichen Raum. Der Wald in diesen Kernzonen ist ja ein grosser CO2-Senker, das müsste abgegolten werden. Dann hätte die Wildnis in der Debatte plötzlich einen ganz anderen Stellenwert. 

Kanyama Butz: Gibt es in der Schweiz überhaupt noch eine wahre Wildnis und wo findet man die?

Mario Broggi: Urwald bedeutet ja, Wald, der nie durch Menschen berührt wurde. In der Schweiz sind es nur noch wenige Objekte mit wenigen Hektaren, in die der Mensch wahrscheinlich noch nie eingegriffen hat. Wenn man aber das Relief des Alpenlandes Schweiz anschaut sieht man jede Menge Tobel und steile Hänge. So kommen doch noch mehr Wildnis-Flächen zusammen.

Kanyama Butz: Welches sind die grössten Feinde der Wildnis?

Mario Broggi: Der Mensch und seine „grauen“ Zellen, die sich nicht vorstellen können, der Wildnis einen Eigenwert zu geben. Der eine kriegt glänzende Augen vor Freude und Interesse, der andere lehnt die ihm unbekannte Wildnis ab. Wie jemand mit der Wildnis umgeht, ist auch eine Frage der Umweltbildung. Dies zeigt sich gut an der Debatte über den Wolf als Stellvertreter von Wildnis. Der Schäfer lehnt den Wolf meist kategorisch ab, während der Städter ihn als faszinierendes Tier empfindet. Der Wolf verkörpert, mehr noch als Luchs oder Bär, das Unberechenbare der Wildnis. Es sind noch viele Informationen, Abgeltungen und Präventivmassnahmen nötig, um die Akzeptanz zu verbessern. Wie geht man mit grossen Raubtieren um? In den letzten 100 Jahren haben die Menschen bei uns das Knowhow verloren. Wir wissen es nicht mehr, da wir es nicht mehr erlebt haben. Wir müssen uns das Wissen erst wieder aneignen. Es braucht Zeit und kostet Geld, bis sich die Bevölkerung an den Umgang mit Wildnis und wilden Tieren gewöhnt.

Kanyama Butz: Gehört der Mensch noch in die Wildnis oder hat er dort nichts mehr verloren?

Mario Broggi: Ich finde es falsch, den Menschen auszuschliessen. Es ist ein typischer, aber falscher Gedanke. Wir sind Teil der Natur. Es braucht jedoch Umweltbildung, um mit der Wildnis umgehen zu können und zu lernen, wann und in welchen Situationen wir uns zurückziehen müssen. Überhaupt können wir uns nur mit Wachstum befreunden, schrumpfen liegt uns eher fern. 

Kanyama Butz: Was denken Sie, weshalb sehnt sich der moderne Städter oft nach Wildnis?

Mario Broggi: Es ist der Gegensatz, der viele Menschen anzieht. Die Stadt ist heute relativ lebensfeindlich. Der Mensch sucht das Grüne, die Freiheit. Wer den ganzen Tag am Computer sitzt, hat zudem einen gewissen Bewegungsbedarf. Die Städte beherbergen auch das Bildungsbürgertum, die Leute machen sich Gedanken über die Zukunft der Welt, gut Gebildete setzen sich damit mehr auseinander, wollen sich damit beschäftigen. Die Natur- und Umweltschutzbewegung kommt ja auch aus der Stadt nicht vom Land, wo es noch genügend grün scheint.

Kanyama Butz: Lässt sich der Schutz der Wildnis überhaupt vereinbaren mit dem immer stärkeren Bedürfnis der Menschen, sich in der Natur oder eben in der Wildnis aufzuhalten?

Mario Broggi: Ich glaube schon. Es ist eine Frage des Respekts. Ich bin nicht der Meinung, dass es die richtige Lösung wäre, eine Käseglocke über die Wildnis zu stülpen und die Menschen rauszuhalten. Denn nur was man kennt, schätzt man. Es ist eine Gratwanderung. Wenn sich der Mensch in der Wildnis aufhält, ist es schnell keine mehr. Es sollte aber machbar sein, gewisse Gebiete freizugeben und andere nicht, den Besuch also zu kanalisieren.


Zur Person
Mario Broggi, von Beruf Förster und Ökologe, war Direktor der Eidg. Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmensdorf. Broggi kennt die meisten grösseren Urwälder Europas aus eigener Anschauung. Er ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte, z. B. der „Vision Landwirtschaft Schweiz“ und der „Gemeindeallianz in den Alpen“. An seinem Wohnort Liechtenstein sitzt er im Hochschulrat der neuen Universität Liechtenstein. Bis 2007 dozierte Mario Broggi an den Universitäten Basel und Wien zum Thema alpine Landnutzung und Naturschutz. .

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