Hungern auf dem eigenen Acker

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Geschrieben von: Annegret Mathari, Genf 09.03.10
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Seit der Nahrungsmittelkrise 2008 kaufen Staaten und Firmen immer mehr Land in Afrika und Asien auf. Das bedroht die Nahrungsmittelversorgung der Ärmsten in der Welt. Der UNO-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung fordert daher eine Stärkung der Kleinbauern.

Mehr als zwei Drittel der weltweit 1,3 Milliarden hungernden Menschen arbeiten in der Lebensmittelproduktion, wie der UNO-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter am Montag in Genf hervorhob. Rund die Hälfte der Hungernden sind Kleinbauern und etwa 220 Millionen sind Landlose, die meist auf grossen Plantagen arbeiten und oft nur über eine saisonale Anstellung ohne soziale Absicherung verfügen.

Grosskonzerne erdrücken Landwirte

Gleichzeitig führt nach den Worten von De Schutter eine zunehmende Konzentration der grossen Käufer und Detailhändler zu einem Machtungleichgewicht zwischen Produzenten und Grosshändlern. In Brasilien etwa seien 200.000 Bauern mit nur fünf Käufern konfrontiert. Globale Händler und Fast-Food-Ketten expandierten nach China, Indien, Russland und Vietnam sowie in das südliche und östliche Afrika, schrieb De Schutter in seinem Bericht an den UNO-Menschenrechtsrat. Dabei seien sie von verarbeiteten Nahrungsmitteln zunehmend zu Frischprodukten übergegangen. Die aus der Konzentration resultierende Marktstruktur gebe den Käufern eine immense Macht, ihre Preise und Bedingungen durchzusetzen. „Das Machtungleichgewicht zwischen den Kleinbauern und dem Agrarbusiness muss korrigiert werden“, forderte De Schutter.

Landkäufe im gossen Stil

Seit der Nahrungspreiskrise 2008 beschleunigte sich zudem dem Trend grosser Landkäufe oder langjähriger Pacht. Weltweit seien seit 2006 zwischen 15 und 20 Millionen Hektar Landwirtschaftsland Gegenstand solcher oft nicht transparenten Verhandlungen gewesen, sagte De Schütter. Diese Fläche entspricht dem gesamten landwirtschaftlich genutzten Land in Frankreich oder einem Fünftel des Agrarlandes in der EU. De Schutter zufolge handelt es sich grösstenteils um ein Phänomen der Privatwirtschaft, darunter Spekulanten. Oft werde auf diesem Land zudem nicht Lebensmittel für den Export produziert, sondern Pflanzen für Agrartreibstoff. In Afrika wurde bei solchen Transaktionen bisher Land akquiriert in Kamerun, Äthiopien, Kongo-Kinshasa, Ghana, Madagaskar, Somalia, Sudan, Tansania und Sambia. Aber auch in andern Regionen kam es dazu, so in Brasilien, Kambodscha, Indonesien, Kasachstan, Pakistan, den Philippinen, in Russland und der Ukraine. Weltweit stiegen ausländische Direktinvestitionen in den Agrarsektor von jährlich 600 Millionen Dollar in den 90er Jahren auf drei Milliarden Dollar in den Jahren 2005 bis 2007.

Strafen für Ausbeuter

De Schutter fordert von Regierungen, die Arbeitsgesetzgebung und gerechte Löhne auch auf dem Land durchzusetzen. Firmen, welche ihre Angestellten ausbeuteten, müssten bestraft werden. Brasilien etwa strich einer Ethanol-Firma Subventionen, weil ihre Landarbeiter unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten mussten. Statt grosser Landverkäufe empfiehlt der UNO-Experte das so genannte Contract-Farming, mit dem das Recht der Kleinbauern auf Nahrung sichergestellt und ihr Verhandlungsspielraum gestärkt werden könnten. Die Käufer beziehungsweise ausländische Investoren zahlen dabei den Bauern Kredite für die nötigen Investitionen, unterstützen sie auf technischem Gebiet und erhalten im Gegenzug die geernteten Produkte zu einem vorher festgelegten Preis. Dieses Vorgehen gewährleiste den Käufern eine stabile Versorgung mit Agrarprodukten, so De Schutter. Wichtig sei, dass die Risiken nicht grösstenteils bei den Kleinbauern lägen und der Gewinn nicht unverhältnismässig an die Käufer gehe. Durch die Schaffung von Kooperativen sollen Kleinbauern bessere Voraussetzungen für faire Preise erzielen. Regierungen könnten Kleinbauern auch durch das öffentliche Beschaffungswesen unterstützen. So müssen in Brasilien 30 Prozent der Lebensmittel, die in den Schulen ausgegeben werden, von Kleinbauern stammen. 

Händler tragen Verantwortung

Für De Schutter muss auch die Privatwirtschaft das Menschenrecht auf Nahung einhalten. Wenn Käufer oder Einzelhändler wie Migros oder Carrefour zunehmend die ganze Lebensmittel-Versorgungskette kontrollierten, hätten sie eine Verantwortung, sich darum zu kümmern, was in den andern Segmenten der Kette geschehe sagte er. Im Übrigen rief er dazu auf, zu klären, was fairer Handel genau bedeutet. Die zahlreichen unterschiedlichen Etiketten seien für die Konsumenten in Industrieländern verwirrend. Wichtig sei, dass sowohl Umwelt- als auch soziale Standards eingehalten würden.
 

Bild: Eine Bäuerin in Südafrika (IPS).

 

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