Plötzlich muss es für Biber und Berghexe ganz schnell gehen. Weltweit wurde das Jahr der Biodiversität ausgerufen und in der Schweiz wird fieberhaft an einer Biodiversitätsstrategie gearbeitet. Bis zum Sommer soll dem Bundesrat die Biodiversitätsstrategie Schweiz vorliegen. Kritiker befürchten, das Resultat könnten nur schöne Worte auf Papier sein.
Die Schweiz hinkt hinterher und will nun mit Siebenmeilenstiefeln wieder aufholen. „Nicht überall ist die Schweiz Weltmeister, denn bei Biodiversität fällt sie aus dem Rahmen: Hier verarmt die Schweiz, unsere Rote Liste ist länger als anderswo“, sagt Werner Müller von Schweizer Vogelschutz/Birdlife. „Bald ist der Kuckuck verschwunden.“ Die Schweiz hat die UN-Konvention zu Biodiversität bereits 2002 ratifiziert. Doch die völkerrechtlich verbindliche Aufgabe, eine Biodiversitätsstrategie zu erarbeiten, wurde bislang noch nicht erfüllt. Bis 2010 hatten sich zudem alle UN-Mitgliedsländer vorgenommen, das Artensterben aufzuhalten. Natürlich vergeblich. Wenn im Herbst die Staaten im japanischen Nagano Bilanz ziehen, wird es lange Gesichter geben. Und da will die Schweiz wenigstens nicht mit gänzlich leeren Händen auftauchen. Bis zum Sommer soll eine unter der Ägide des Bundesamts für Umwelt (BAFU) ausgearbeitete Version dem Bundesrat vorliegen, im Parlament 2011 behandelt werden.
Unausgegorene Strategie?
Für manche Beobachter kommt dieser Schritt übereilt. Denn es wollen und sollen viele Parteien zu Wort kommen. Das BAFU schreibt die Kooperation mit politischen und sozialen Partnern gross. Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) und das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) arbeiten mit. Auch Verbände und Wissenschaft sind im Rahmen einer Expertengruppe integriert. BLW-Direktor Manfred Bötsch sagt: „In der Schweiz haben wir den Vorteil, nah genug beieinander zu sein, um den Dialog vorantreiben zu können.“ Dennoch kritisiert Pro Natura-Projektleiterin Mirjam Ballmer den straffen Zeitplan: „Die Schweiz hat sich so lange Zeit gelassen, jetzt sollte man nicht hetzen. Eine starke Strategie muss das Resultat sein und kein Blatt Papier mit schönen Worten..“ Allein die Entscheidung, ob die Strategie in Gesetzesform gegossen werde oder nicht, könne nicht übers Knie gebrochen werden.
Biodiversität braucht einen Preis
Auf vier grobe Eckpfeiler hat sich der Bundesrat im Juli 2009 bereits festgelegt. Hierzu zählen der Fokus auf Förderflächen, ein sparsames Umgehen mit Ressourcen, die aktive Mitarbeit an internationalen Bestrebungen zum Schutz der Biodiversivität und der Versuch, Biodiversität zu monetarisieren. Erste Schätzungen für die weltweiten Leistungen von Biodiversität gehen von 16 bis 54 Billionen Dollar aus. ARE-Direktorin Maria Lezzi sagt: „Wir brauchen eine clevere Geldmaschine für die Biodiversität. Vielleicht könnte man sich an die Finanzierung von Agglomerationsprojekten anlehnen. Hier werden Gelder unter anderem der Mineralölsteuer verwendet.“ Es geht darum, Nutzniesser der Biodiversität dingfest zu machen. Laut Bafu-Direktor Bruno Oberle müssten hierfür die ökologischen Leistungen der Biodiversität bepreist werden. „Und dann käme der Schweizer Tourismus als potentieller Geldgeber in Betracht“, sagt er.
Verbände koordinieren sich
Auch die Verbände diskutieren Vorschläge, eine grüne Kurtaxe oder eine ökologische Steuerreform einzuführen, um Geld für die Biodiversität bereitstellen zu können. Die Umweltschutz-Verbände WWF, SVS/Birdlife und Pro Natura haben eine gemeinsame Position zur Biodiversitätsstrategie erarbeitet, konkrete Forderungen formuliert: Sie wollen unter anderem das Tempo drosseln, in dem neue Bauzonen ausgeschrieben werden, Leuchtturmprojekte mit Strahlwirkung etablieren und einen Biodiversitätskommissar als Artenhüter einsetzen.
Die Idee eines Biodiversitätsüberwachers für die Schweiz wurde zumindest bereits vehement von ARE-Direktorin Lezzi und BLW-Direktor Bötsch zurückgewiesen. Lezzi: „Ich bin gegen einen Überwacher, denn Biodiversität geht uns alle an und funktioniert nur, wenn alle an einem Strang ziehen.“
Biodiversität ist komplex
Aber genau das macht die Biodiversität auch so problematisch, denn so viele wirtschaftliche Bereiche sind betroffen: Land- und Forstwirtschaft, Raumplanung, Wasserwirtschaft und biologische Sicherheit bis hin zum Handel mit genetischen Ressourcen. Robert Lamb aus der Sektion Rio-Konventionen des BAFU bringt es auf den Punkt: „Es gibt für die biologische Vielfalt keinen leicht erkennbaren Indikator wie etwa die CO2-Emissionen im Klimabereich. Die Biodiversität ist komplexer, denn sie umfasst die Gesamtheit aller biologischen Ressourcen und ihrer Lebensräume.“
Bild: Pro Natura auf der Natur Messe in Basel (Tobias Klein/www.conactor.com).
|