Keine Lust auf CO2

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Geschrieben von: Tobias Müller, Amsterdam 27.11.09
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ShellAmsterdam - Tief unter der Stadt Barendrecht will Shell mit erstmals Kohlendioxid in Gasdepots lagern. Für die Niederlande ist das ein Pilotprojekt – doch die Anwohner wollen das verhindern. Die umstrittene Technologie soll den CO2-Anteil in der Luft verringern.

Es scheint, als habe in Barendrecht dieser Tage alles mit Kohlendioxid zu tun – selbst die Nachfrage nach Eiern. Diese, so prognostizierte John Brosens, ein ortsansässiger Schriftsteller, würden ausverkauft sein, wenn die niederländische Umweltministerin Jacqueline Cramer Ende November die gut 30.000 Einwohner zählende Kleinstadt vor den Toren Rotterdams besuchen würde. „Die Ministerin zieht besser eine Regenjacke an", riet Brosens, selbst Autor eines viel beachteten Thrillers zum Thema CO2- Speicherung. Der Sozialdemokrat Brosens weiss, wovon er spricht: nebenher ist er nämlich auch noch Vorsitzender der lokalen Protest- Initiative LCO2=Nee.

Ministerin stellt sich den Bewohnern

Umweltministerin Cramer will den Barendrechtern persönlich erklären, wieso gerade hier, in einem leeren Gasfeld zwei Kilometer unter der Oberfläche, ein Pilotprojekt zur unterirdischen Lagerung von CO2 stattfinden soll. Sie will sagen,  dass sich die Lage der Kleinstadt, nur 18 Kilometer von der Raffinerie des Ölriesen Royal Dutch Shell beim Rotterdamer Hafen entfernt, nicht zuletzt finanziell anbietet, weil jeder Kilometer Pipeline eine Million Euro kostet. Und, dass darum eine ebenfalls angedachte Offshore- Alternative vor der nordholländischen Küste keinen Sinn mache. Dass es zunächst im Quartier Carnisselande nur einen Vorversuch auf kleinem Niveau geben soll, mit 0,8 Megatonnen, mit Messstellen, deren Ergebnissen für die Anwohner jederzeit einsehbar seien, und erst dann, nach gründlicher Evaluation, weitere neun Megatonnen unter dem Quartier Ziedewij gelagert würden – selbstverständlich nur dann, wenn keinerlei Sicherheitsbedenken vorlägen. Daran aber hat die Ministerin ohnehin keinen Zweifel: „Die Lagerung ist wirklich sicher. Das kann ich mit der Hand auf dem Herzen versprechen.“

 

Wertverfall der Häuser befürchtet  

Den Barendrechtern ist das egal. Sie kennen diese Argumente vom letzten Jahr, als die Regierung schon einmal einen Vorstoss unternahm. Damals protestierten jedoch gerade die Bewohner des Neubauviertels Carnisselande, vor gerade einmal einem Jahrzehnt errichtet, so heftig, dass die Pläne  gestoppt wurden. Nicht nur die in ihren Augen unübersichtlichen Risiken fürchten sie, sondern auch den Wertverfall ihrer Immobilien. Noch im Juni sprach sich der Gemeinderat einstimmig gegen eine Weiterführung aus. Die Wiederaufnahme nun nennt Aktivist Brosens eine „totale Überraschung“, wodurch sich „jeder hier betrogen fühlt.“ Simon Zuurbier, Umweltdezernent der Kommune, warf der Regierung vor, sich von Shell „geisseln“ zu lassen. Die Kommune werde „jede Lücke nutzen, um gegen den Beschluss zu kämpfen.“ Zunächst will man rechtliche Schritte ergreifen.

Zweimal auf dem Prüfstand

Die Konstellation in Barendrecht zeigt, dass ein derartiges Pilotprojekt gleich zweifach auf dem Prüfstand steht: nicht nur sollen die dabei gewonnenen Erkenntnisse zur Umsetzung neuer Technologien helfen. Vielmehr müssen in diesem ersten Stadium auch Skepsis und Unwillen der betroffenen Bevölkerung Rechnung getragen werden, für die die eigenen Interessen über einem möglichen wissenschaftlichen Mehrwert stehen. Beim CCS-Verfahren (für Carbon Capture and Storage, Abspeicherung und Lagerung von Kohlendioxid) wird CO2 von anderen Emissionsstoffen getrennt, unter hohem Druck verflüssigt und mittels Pipelines in unterirdische Speicherräume eingeführt. Zahlreiche Experten halten das im Kampf gegen den Klimawandel für unverzichtbar – zumindest solange, bis dauerhaft nachhaltigere Lösungen zur Verfügung stehen. Dieser Sichtweise schließt sich die niederländische Regierung an. Von einem „wichtigen Schritt zur kurzfristigen Beschränkung unseres CO2- Ausstosses“ spricht Umweltministerin Cramer. Konkret geht es um jeweils 800 Megatonnen Kohlendioxid, die an verschiedenen Stellen unter Land sowie unter der Nordsee gelagert werden sollen. Dies entspräche 20 Prozent des heutigen jährlichen CO2- Ausstosses.  

Die Zeit drängt

Dass dabei die Zeit drängt, liegt zum einen an beklemmenden Szenarien des bereits begonnenen Klimawandels und den europäischen Vorgaben zur Emissionsreduzierung. Aus diesem Grund äußert sich CATO 2, ein Konsortium zur Implementierung der CCS- Technologie in den Niederlanden, positiv über das Modellprojekt in Barendrecht. Daneben steht aber auch die internationale Konkurrenz, sich bei der Umsetzung einen Namen zu machen. Direktor Jan Brouwer bescheinigt den Niederlanden durch das vorhandene Know- How und die Infrastruktur der leeren Gasfelder eine „ideale  Position“. Umso mehr mahnt er zur Eile: „Wenn wir mit dieser Technik etwas erreichen wollen, ist jetzt der Moment, anzufangen. Sonst sind wir zu spät.“ Brouwers verweist auf die USA, Norwegen und Frankreich, die CO2 bereits unterirdisch speicherten. 

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