Clinton wirbt für Behinderte

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 05.11.09
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Der frühere US-Präsident Bill Clinton und die HSG St. Gallen machen auf ein vernachlässigtes Thema aufmerksam: Behindertenintegration. Anlässlich der Einweihung des HSG-Handicap-Forschungszentrums hielt Clinton eine flammende Rede.

Die Frage nach der Integration von Behinderten gerade am Arbeitsplatz ist eine emotionale und rationale zugleich. Der frühere US-Präsident Bill Clinton weiss, die Herzen anzusprechen, die St. Galler Forscher appellieren an den Verstand. Bei der Einweihung des Handicap-Forschungszentrums an der HSG St. Gallen am Donnerstag wurden beide Seiten zusammengebracht. Dabei trat Clinton als Festredner ohne Gage auf, wie die Organisatoren bestätigten.

Im neuen Forschungszentrum beschäftigen sich neun Forscher sich in den kommenden Jahren intensiv mit Fragen der Integration aus volkswirtschaftlicher, organisationspsychologischer und praxisorientierter Sicht. Das Center for Disability and Integration (CDI-HSG) entstand in Kooperation der Universität St. Gallen mit der Schweizer Stiftung MyHandicap. Gründer und Präsident ist der Internetunternehmer Joachim Schoss, der nach einem Motorradunfall selbst ein Bein und einen Arm verloren hat.

Ziel: Staatlich unterstützte Privatinitiativen

Clinton ist nicht von ungefähr Ehrenschirmherr von MyHandicap. Clintons Ansatz: Private Initiativen von leidenschaftlichen Verfechtern der Sache können einen Wechsel der gesellschaftlichen Perspektive auf Behinderte erreichen. Und das realisiert der Ex-Präsident auch mit seiner eigenen Stiftung, der Clinton Global Initiative. „Nichtbehinderte können eine Menge von Behinderten lernen. Wir sind mit einer Ignoranz der Unwissenheit behaftet. Ich habe viele Behinderte getroffen, die konsequent ihren Weg gegangen sind und dabei nur im Blick hatten, was ihnen als Möglichkeiten offen steht. Nicht das, was ihnen verloren gegangen ist“, sagte Clinton. Sowohl er als auch seine Frau, die aktuelle amerikanische Aussenministerin Hillary Clinton, gehen dabei voran. Im engsten Berater- und Wahlkampfteam der beiden fänden sich zahlreiche Behinderte - „und nicht wegen ihres Handicaps. Sie waren die besten.“ Während seiner Amtszeit konnte er bedeutende rechtliche Verbesserungen für Behinderte durchsetzen. Clinton: „Durch die öffentliche Hand unterstützte Privatinitiativen sind der einzige Weg, um diesen Gedanken nachhaltig voranzubringen.“

Integration bringt wirtschaftlichen Vorteil

Auch die Forscher des CDI betrachten Behinderte als Gewinn für Unternehmen. Arbeitsteams aus Behinderten und Nichtbehinderten hätten teilweise höhere Produktivität vorzuweisen, als nicht gemischte Teams. Darauf verwies Stephan Böhm, einer der Direktoren des Zentrums. Betriebswirtschaftlich will man unter die Lupe nehmen, inwieweit Integration in das Berufsleben langfristig stattfinden kann. Zudem sollen Untersuchungen unter Co-Direktorin Eva Deuchert beleuchten, wie die Volkswirtschaft hiervon profitieren kann: „In der Schweiz wie in vielen anderen Staaten übersteigen die Leistungen der Invalidenversicherung die Leistungen der Arbeitslosenversicherung um ein Vielfaches. Reintegration ist im Sinne von Behinderten und der Volkswirtschaft.“

Man will den Brückenschlag zwischen Universität und Privatwirtschaft wagen, wie HSG-Rektor Ernst Mohr betonte. So wird Nils Jent als Leiter der angewandten Forschung konkrete Projekte voranbringen, beispielsweise die Vereinheitlichung von Flug-Richtlinien für Behinderten.

Fünf Prozent sind machbar

Dass Geschäftsreisen von Behinderten selten sind, liegt an einem einfachen Grund: Lediglich 40 Prozent der Behinderten stehen im Berufsleben. Obwohl viele Behinderungen dies durchaus zuliessen und der Wille bei den Betroffenen vorhanden ist. Unternehmen machen vor, wie durch gezielte Personalpolitik Integration funktionieren kann. Der Personalchef der Handelsgruppe Metro, Zygmunt Mierdorf erklärte: „Wir fördern lernbehinderte Jugendliche und haben damit schon Hunderten zu einer soliden Ausbildung verholfen.“ Allein in Deutschland beschäftigt Metro 5.600 Behinderte. Das Schweizer Unternehmen Federtechnik Kaltbrunn & Wangs hat lediglich 240 Mitarbeiter, doch so kümmert sich die Mitarbeiterfamilie um jeden behinderte Kollegen persönlich. Und auch hier wird eine Quote von fünf Prozent erreicht.
Diese Unternehmen sollen keine Einzelfälle bleiben. Das CDI hat einen Wettbewerb für vorbildliche Projekte lanciert. Stephan Böhm: „Ab sofort können Unternehmen sich für unseren Best-Practice-Award und Best-Idea-Award bewerben. Im Fokus soll die erfolgreiche Umsetzung von Integrationsprojekten stehen.“ Im Frühjahr schon werden die besten ausgezeichnet. Das CDI plant zudem, Firmenanalysen anzubieten und wird Studenten für das Thema sensibilisieren. Von St. Gallen aus soll Behindertenintegration in Herz und Hirn positioniert werden.  Mit Clintons Hilfe wird das leichter sein.

 

Bild: Bill Clinton bei seiner Rede an der HSG St. Gallen. (Hannes Thalmann) 

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