Überall Chemie im Wasser

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Geschrieben von: Nathalie Schoch, Solothurn 28.09.09
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Lausanne, TrinkwasserKlimawandel, technologische Entwicklungen, erhöhte Ansprüche – die Schweizer Wasserwirtschaft steht vor grossen Herausforderungen. War es gestern Phosphat, heute Nickel, ist es morgen schon wieder ein anderer Problemstoff, der das Grundwasser belastet. Den höchsten Preis bezahlt die Umwelt. Und nicht zuletzt die Gesellschaft selbst. Duschgel, Schmerzmittel, Antibabypille, Waschmittel. Dies alles sind Dinge, die im täglichen Leben nötig sind. Doch sind es auch die täglichen Dinge, die das Grundwasser verunreinigen. Ein beachtlicher Teil dieser Mikroverunreinigungen gelangt mit dem Abwasser aus Haushalten oder Betrieben über die Kanalisation in die Abwasserreinigungsanlage (ARA). Viele von ihnen können dort nicht vollständig aus dem Abwasser entfernt werden. Und gelangen unweigerlich in Flüsse, Seen und in das Grundwasser. Die Folge: chronische Leiden bei den Lebewesen.

Mit Ozon Abwasser reinigen

Wird Grundwasser als Trinkwasser genutzt, stellt sich die Frage, ob auch die Bevölkerung gefährdet ist. „Alle bisher im Kanton Zürich durchgeführten Messungen zeigen, dass im Trinkwasser nach der Aufbereitung in einem Seewasserwerk keine Mikroverunreinigungen mehr nachweisbar sind“, sagte Daniel Rentsch vom Zürcher Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft an einer Tagung Ende August, die von der Stiftung Praktischer Umweltschutz Schweiz (Pusch) in Solothurn organisiert worden war. Trotzdem sei das Auftreten dieser Mikroverunreinigungen im Grundwasser unerwünscht und stehe im Widerspruch zu den ökologischen Zielen des Gewässerschutzes. Abhilfe schaffen sollen technische Verfahren. So zum Beispiel Ozon oder Aktivkohle. Mit diesen beiden Verfahren liessen sich Mikroverunreinigungen aus dem Abwasser entfernen. Zwar waren die Tests in Labors erfolgreich, auf einer ARA sind sie aber erst wenig erprobt.

Pilotversuch zeigt Erfolg

Die ARA Regensdorf testete in einem Pilotversuch während 16 Monaten die Eignung der Ozonung für den gesamten Abwasserabfluss. Gasförmiges Ozon ist ein starkes Oxidationsmittel, das in der Trink- und Badewasseraufbereitung schon länger zur Desinfektion und zur Entfernung von Geschmacksstoffen zum Einsatz kommt. Dabei wurden über 50 verschiedene organische Spurenstoffe analysiert. Mit dem Resultat: Die Ozonung führte zu einer deutlichen Abnahme der im Ablauf messbaren Stoffe. So wurden beispielsweise Antibiotika und Östrogene komplett eliminiert. Auch pathogene Keime reduzierten sich massiv. „Der Pilotversuch zeigte auch, dass sich die Ozonung unter bestimmten Voraussetzungen mit relativ geringen Anpassungen in eine moderne kommunale ARA integrieren lässt“, so Rentsch. Die geschätzten Mehrkosten am Beispiel Regensdorf lagen bei zehn Prozent.

Braunes Wasser am Hahn

Die Konsumenten verbrauchen diese chemischen Stoffe in Hülle und Fülle, sei es durch die Körperpflege, mit Reinigungsmitteln oder Medikamenten. Im Nu gelangen sie in die Kanalisation. So schnell, dass kaum ein Gedanke an die Auswirkungen verschwendet wird. Ganz nach dem Motto: Aus den Augen – aus dem Sinn. Das kann einem nicht passieren, wenn plötzlich braunes Wasser aus dem Hahn fliesst. Neue Untersuchungen lassen befürchten, dass oft auf dieser letzten Meile die hervorragende Trinkwasserqualität zunichte gemacht wird. Gründe dafür sind ein zu hoher Nickel- oder Bleigehalt an den Armaturen. Zudem ist Rost das mit Abstand häufigste Qualitätsproblem in den Hausinstallationen. Abhilfe verschaffen Armaturen, die vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW) zertifiziert worden sind. „Wir haben ein Prüflabor, in dem wir die Armaturen kontrollieren. Sind die mit Nickel behafteten Flächen zu gross, kommt der Armaturentyp nicht auf die Liste der zertifizierten Produkte. Beim Blei lassen wir nur Gusslegierungen zu, die einen bestimmten Bleigehalt nicht überschreiten“, sagt SVGW-Direktor Anton Kilchmann.

Die Experten gehen davon aus, dass die meisten gentoxischen Substanzen bei einem Gehalt von weniger als 75 Nanogramm pro Liter Trinkwasser für den Menschen unproblematisch sind. In der Regel übersteigt das Schweizer Trinkwasser diesen Wert nicht. Ein anderes Bild zeigte eine Mülldeponie im Kanton Baselland. Dort entdeckten Umweltschützer vor einigen Jahren erhöhte Nanogrammwerte im Grundwasser. Es waren vor allem pharmakologische Stoffe und Industriechemikalien enthalten.

Meilenstein Phosphatverbot

Die Ansprüche der Gesellschaft zwingen die Experten dazu, ständig neue Verfahren und Techniken zu entwickeln. In den Sechzigern waren es die Waschmittel, welche die Abwasserreinigung zum Schäumen brachte. Sie mussten durch abbaubare Stoffe ersetzt werden. Dann wurde die Waschmaschine erfunden. Damit kam aber auch schon das nächste Problem: Phosphate. Die Folge: die Überdüngung in den Seen. Wiederum fanden sich Lösungen, um die Seen zu entlasten. Den entscheidenden Durchbruch brachte das Phosphatverbot von 1986. Damit konnte die Phosphatfracht im Schweizer Abwasser mehr als halbiert werden. Die Belastung vieler Seen liegt heute bei Werten, die vor 1950 beobachtet wurden.

Immer wieder neue Problemstoffe

Den Erfolgsgeschichten stehen aber auch Defizite gegenüber. „Wir finden immer wieder neue Problemstoffe“, sagt Willi Gujer vom Institut für Umweltingenieurwissenschaften der ETH Zürich. So zum Beispiel Kupfer. Es dauere viel länger, bis das Material abgebaut sei. Muster des Ärgernisses nennt er das KKL in Luzern. Das Kultur- und Kongresszentrum ist mit einem grossen Kupferdach bestückt. Das ist aber nur vom Helikopter aus zu sehen. „Ich frage mich, was denkt sich ein Architekt bei so einer Planung?“ Zu denken geben Gujer auch die Untersuchungen an Regenüberlaufbecken. Sie zeigten, dass diese im Betrieb kaum aufeinander abgestimmt würden, obwohl diese Bauwerke grosse Investitionen verursachten. „Offensichtlich könnten wir mit geringem Aufwand deutlich mehr Gewässerschutz von unseren Anlagen erhalten.“

Gesellschaft und Politik gefordert

Sind alte giftige Stoffe eliminiert worden, kommen neue auf. Es ist der Preis einer sich stets wandelnden Gesellschaft. Forscher und Experten müssen sich ständig neuen Herausforderungen stellen. „Das Abwägen zwischen Schutz und Nutzung der Wasserressourcen wird in Zukunft vermehrt eine Aufgabe von Gesellschaft und Politik sein“, sagt Pusch-Geschäftsleiter Ion Karagounis.

 

Bild: Brunnen in Lausanne (Steffen Klatt).

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Alain Schilli
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Alain Schilli,
Stv. Geschäfts­führer myclimate

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