Nachhaltigkeit in den Chefetagen

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Zürich 19.07.09
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In vielen Schweizer Unternehmen ist Nachhaltigkeit Chefsache, sagt Sabina Döbeli von Öbu, dem Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften. Und daran rüttelt auch die Krise nicht. Jedoch sei das Schweizer Nachhaltigkeitsmanagement noch ausbaufähig.

Yonne von Hunnius: Seit 1999 vergibt Öbu einen Preis für den besten Nachhaltigkeitsbericht in der Schweiz. Welches veränderte Nachhaltigkeitsverständnis bilden die Berichte ab?

Sabina Döbeli: Schweizer Unternehmen sehen jetzt viel stärker die Vielschichtigkeit des Themas und differenzieren ihre Berichte entsprechend. Hiess es früher Umweltbericht, ist es heute meist ein Nachhaltigkeitsbericht, der auch ökonomische und soziale Aspekte beinhaltet. Und es nehmen auch die Berichte zu, die ehrlich und offen kommunizieren. Zum Beispiel hat unseren Preis einmal ein Bericht gewonnen, der offen enttäuscht darüber berichtete, dass die Zielvorgaben nicht eingehalten werden konnten. Dieser Preis zielt auf Nachhaltigkeitskommunikation ab und hier haben die Schweizer viel gelernt in den letzten zehn Jahren.

Yvonne von Hunnius: Welche sozialen Aspekte sind den Unternehmen wichtig?

Sabina Döbeli: Firmen, die ausschliesslich in der Schweiz tätig sind, sich also nicht mit Themen wie beispielsweise Kinderarbeit auseinandersetzen müssen, beschäftigt je länger je mehr Gesundheitsförderung. Dann werden geschlechterspezifische Themen behandelt oder überhaupt Diversitythemen und Kulturförderung. Uns – bzw. vielen Berichteschreibern –  ist aufgefallen, wie wirkungsvoll allein schon der Prozess ist, der zu diesen Berichten führt. Es wird über diese Themen reflektiert und sie finden Einzug in die Mitarbeiterkommunikation und den Unternehmensalltag. Im Zuge dessen werden Ideen gesammelt, neue Strategien entwickelt und Verbesserungen angestossen.

Yvonne von Hunnius: Was zeichnet für Sie einen nachhaltigen Unternehmer aus?

Sabina Döbeli: Nachhaltige Unternehmer sind sich der Komplexität ihrer Entscheidungen bewusst und sehen, dass einfache Antworten bei näherem Hinsehen weitverzweigte Konsequenzen haben.

Wer der Öbu beitreten will, muss sich mit einigen Punkten identifizieren können. So fordern wir, dass Nachhaltigkeitsverantwortung in der Firmenleitung verortet und diese in den Leitsätzen verankert wird. Zudem sollen daraus ein Programm sowie Massnahmen und eine interne oder externe Nachhaltigkeitsberichterstattung resultieren.

Yvonne von Hunnius: Nachhaltigkeit ist Chefsache – doch was ist, wenn das Unternehmen so gross ist, dass man den Chef noch nie gesehen hat?

Sabina Döbeli: In jedem Falle muss ein nachhaltiges Management vor- und mitgelebt werden. Nur so können alle Mitarbeiter ins Boot geholt werden. So macht es zum Beispiel der Sanitärunternehmer Hunziker: In diesem Unternehmen schulen sich Mitarbeiter einmal in der Woche gegenseitig oder werden von Experten geschult. So entsteht eine interne Dynamik.
Wenn man den Vorstandsvorsitzenden jedoch nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen sieht, macht das nichts. Grosse Konzerne haben ganz andere Möglichkeiten, Nachhaltigkeit im Denken der Mitarbeiter zu etablieren. Sie können finanzielle Anreize schaffen, wie es Swiss Re tut: Dort werden Mitarbeiter bei nachhaltigen Investitionen unterstützt. Man weitet somit die Systemgrenzen des Unternehmens aus.

Yvonne von Hunnius: Ihre neue Internetseite Proofit.ch wendet sich speziell an kleinere Unternehmen – doch die sind doch auch bei der Öbu gut aufgehoben…

Sabina Döbeli: Mit dieser Seite wollen wir Unternehmen erreichen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit noch kaum beschäftigt haben – und zwar über das Argument der Effizienz. Die Botschaft dieser Seite lautet: Nachhaltigkeit rentiert, ich kann schnell einen finanziellen Vorteil aus kleinen Massnahmen ziehen. Tipps und Praxisbeispiele werden präsentiert, die hierbei helfen. Ein Effizienzcheck deckt Schwachstellen und Potential auf. Wir haben auch begonnen, die Unternehmen zu einem Proofit-Apero zu laden.

Yvonne von Hunnius: Dort und in den Öbu-Aktionsgruppen geht es um den Austausch nachhaltiger Lösungen. Wie gross ist der Weight Watchers-Effekt einer anstachelnden Gruppendynamik?

Sabina Döbeli: In vielen Aktionsgruppen, in denen Vertreter unterschiedlicher Unternehmen ein Thema bearbeiten, kann man diese Dynamik bemerken. Es geht ja nicht darum, dass Ideen geklaut werden, sondern jeder setzt sie unterschiedlich um. Der Wissensaustausch darüber, wie sie funktionieren, bringt nicht nur das Unternehmen weiter, sondern das Klima, die Umwelt, uns alle.

Yvonne von Hunnius: Welche Überprüfungsmechanismen sind das beste Management-Instrument, um nachhaltig ein Unternehmen zu steuern – reicht die Ökobilanz alleine?

Sabina Döbeli: Die Ökobilanz ist wichtig, doch alleine reicht sie nicht. Wir sind an der Erarbeitung der Ökobilanz-Belastungspunkte massgeblich beteiligt gewesen. Doch wir wissen, dass darüber hinaus gedacht werden muss. Die Ökonomin Renate Schubert, die in unserem Vorstand sitzt, tritt dafür ein, dass neue Indikatoren erarbeitet werden. Zum Beispiel ist das Bruttoinlandprodukt wohl keine ausreichende Messgrösse mehr. Der globale Wirtschaftsaspekt, Klimafragen und soziale Problematiken wie Migration sind bei den bisherigen Indikatoren nicht stark genug berücksichtigt.

Yvonne von Hunnius: Welchen Einfluss hat Ihrer Erfahrung nach die Krise auf die Nachhaltigkeitspolitik von Schweizer Unternehmen?

Sabina Döbeli: In Gesprächen habe ich den Grundtenor erfahren, dass Nachhaltigkeit immer noch hoch im Kurs steht. Als vor zwei Jahren das Thema verstärkt in die Chefetagen kam, behaupteten viele, das sei nur ein Hype. Doch es hat sich etabliert.
Natürlich gibt es Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsbudgets auf Null gestrichen haben – aber oft werden diese überschaubaren Budgets beibehalten, weil man weiss, hier wird lösungsorientiert gearbeitet. Wir freuen uns, dass zum Beispiel die Mitgliedschaft in unserem Verband offensichtlich nicht den Rotstiftmassnahmen zum Opfer gefallen ist. Wir hatten kaum Abgänge.

Yvonne von Hunnius: Wie begegnen Sie dem Vorwurf, Unternehmen würden sich durch spezielle Marketing-Aktionen nur grün anstreichen?

Sabina Döbeli: Solange Aktivitäten in die richtige Richtung gehen, finde ich sie vertretbar. Es stärkt das Bewusstsein Schritt für Schritt.
Manche Öbu-Unternehmen sind von Grund auf nachhaltig und wirkliche Engel. Doch wir werden es nie schaffen, dass alle Unternehmen ihnen gleichen. Deshalb freuen wir uns, dass zum Beispiel McDonalds dabei ist. Die Fast-Food-Kette hat in den letzten Jahren ein vorbildliches Umweltmanagement entwickelt. Natürlich ist es begrüssenswert, wenn ein kleines vegetarisches Restaurant mit vier Mitarbeitern nachhaltig arbeitet, das soll jedoch McDonalds Bestrebungen nicht schmälern.

Yvonne von Hunnius: In welcher Branche oder in welchem Bereich der Unternehmen gibt es in der Schweiz denn noch grossen Nachholbedarf?

Sabina Döbeli: Mobilität ist ein Bereich, in dem noch viel zu tun ist. Zudem denke ich, dass manche Produkte prinzipiell neu unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten designt werden könnten. Mit Kreativität können hier noch viele geniale Ideen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit in ganz neuen Produkten vereinen. Wir bemerken auch, dass gerade im Bereich der Green IT viel Nachfrage herrscht, und die Technologie-Branche noch stärker darauf reagieren könnte.
Im Feld der erneuerbaren Energien sind wir in der Schweiz eindeutig noch im Hintertreffen im Vergleich zu anderen Staaten.

Yvonne von Hunnius: Inwieweit könnte die Öbu dazu beitragen, dass Unternehmen diese Bereiche mehr abdecken?

Sabina Döbeli: Wir setzen uns aus so unterschiedlichen Unternehmen zusammen, dass wir uns auf das allen Gemeinsame beziehen. Wir fördern eine nachhaltige Unternehmenskultur, doch können wir Technik-Unternehmen nicht zu Green Technology-Firmen machen. Das ist nicht unsere Aufgabe.
Politisch können wir aufgrund der Heterogenität ebenso schwerlich vorpreschen, da viele Mitglieder sich in der Politik nicht festlegen wollen oder können. Hier liegt unser Hauptaugenmerk bei der ökologischen Steuerreform. Wir streben Rahmenbedingungen an, mit denen nachhaltiges Wirtschaften vermehrt gefördert wird, insbesondere durch einen verstärkten Einsatz marktwirtschaftlicher Instrumente.

Yvonne von Hunnius: In welchen wirtschaftlichen Bereichen besteht der grösste Bedarf nach Labelling oder Standardisierung unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten?

Sabina Döbeli: Gerade gestern haben wir mit dem Hotellerie-Verband darüber gesprochen, dass das Gastgewerbe Energieetiketten bei grossen Elektrogeräten vermisst.
Als gute Beispiele können hier ohne Frage Biosuisse und Minergie funktionieren, die sich marktwirtschaftlich ausgezeichnet etabliert haben. Doch wenn es um eine neue Standardsetzung geht, wird man auf den Staat als Partner nicht verzichten dürfen und können.



Zur Person:
Sabina Döbeli ist Co-Geschäftsleiterin der Öbu - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften. Der Verband hat 330 Mitglieder und fördert nachhaltiges Denken in Schweizer Unternehmen durch Preise, Arbeitskreise, Statement-Papiere, Veranstaltungen und koordinierte Aktionen. Gegründet wurde das Netzwerk vor 20 Jahren. 

 

Bild: Yvonne von Hunnius

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