Fleischlos glücklich

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16.07.09
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An Besuchern aus aller Welt hat das pittoreske Gent keinen Mangel. Dennoch hat sich die flämische Metropole ein neues Image als nachhaltige Stadt verschafft. Neuester Coup ist der «vegetarische Donnerstag»: die gesunde Ernährung soll auch die Treibhausgase reduzieren helfen.

Überzeugte Fleischesser stehen in den städtischen Kantinen Gents seit einigen Wochen vor einem Problem. Das Tagesgericht enthält seither am Donnerstag allein noch pflanzliche Zutaten. Damit will die Stadt in Kooperation mit der Organisation Ethisch Vegetarische Alternatief (EVA) ihre Bürger stimulieren, wenigstens einmal wöchentlich auf Fleisch zu verzichten. Auch an den anderen Tagen wird das vegetarische Angebot deutlich erweitert. Und nicht nur die Verwaltungsangestellten sollen sich künftig gesünder ernähren: zum Start des neuen Schuljahrs im Spetember wollen auch die Schulkantinen Gents sich an der Aktion "Donnerstag Veggietag". Weitere Einrichtungen sollen folgen. Auch die lokale Gastronomie reagiert schon auf die Ermutigungen, sich an dem Modellversuch zu beteiligen.

Eigentlich war die Initiative ein logischer Schritt. Schliesslich zählt Gent mit seinem von Grachten umgebenen alten Stadtkern zu den 370 europäischen Metropolen, die seit letztem Herbst die Eurocities Declaration for Climate Change unterzeichneten und sich darin zu einer klimafreundlichen Stadtpolitik bekennen. Im Verhältnis zur -mit knapp 250.000 relativ geringen- Einwohnerzahl weist Gent zudem die höchste Dichte vegetarischer Restaurants auf. Der fleischlose Donnerstag ist ein Brückenschlag zwischen beiden Bereichen: er kombiniert den Appell zu gesunder Ernährung mit Tierrechts- Ethik und Klimaschutz. Trotzdem ist es ein Ansatz mit Pioniergeist: "Noch nie zuvor", so die Selbstdarstellung, "hat eine Stadt eine vergleichbare Initiative ergriffen."

Nahe liegend ist die Verbindung aber auch auf inhaltlicher Ebene. Schliesslich, so Tobias Leenaert von EVA und einer der geistigen Väter des vegetarischen Donnerstags, ist Nutzviehhaltung verantwortlich für 18 Prozent der Treibhausgase. Der Verdauungsprozess von Rindern und Schafen ist neben dem Lagern von landwirtschaftlichen Düngemitteln verantwortlich für die Produktion von Methan (CH4). Umweltorganisationen weisen auf diese Zusammenhänge seit längerem hin, eine grossflächige Unterstützung von offizieller Seite vermisste Leenaert jedoch bisher. "Ich kenne kein Problem, das von offizieller Seite so bagatellisiert wird wie der überhöhte Fleischkonsum. Man ermutigt die Menschen, Sparlampen zu benutzen, im Haushalt wenig Energie zu verbrauchen und mit Öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Doch niemand fordert Menschen auf, weniger Fleisch zu essen, als sei das ein spezieller Teil der Privatsphäre."

Die Initiatoren setzen darauf, dass das Genter Projekt nun in grösserem Rahmen ein Umdenken einleitet. Tatsächlich gibt es bereits Nachahmer. In Belgien wollen die Städte Hasselt und Leuven sich dem fleischlosen Donnerstag anschliessen. Die weltweite Medienresonanz hat indes auch internationale Interessenten auf den Plan gerufen. So erwägt auch die brasilianische Metropole São Paulo eine vergleichbare Initiative, was angesichts der dortigen fleischdominierten Küche durchaus bemerkenswert ist. Begeistert von dem Projekt ist auch die US- Tierrechtorganisation PETA, die in einem Schreiben 1000 Bürgermeister aufforderte, sich an zu schliessen. Selbst die Leiterin der UN- Klimabehörde IPCC nahm bereits mit EVA Kontakt auf, um das Beispiel global zu fördern.

All diese Reaktionen zeigen indes, wie sehr Massentierhaltung, gesunde Ernährung und Klimaschutz in den letzten Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind. Und nicht nur das: erstmals sind diese Themen auch jenseits aller miefigen Bioladen- und Wollsockenklischees Lifestylekompatibel geworden. Ihre Kombination zahlt sich daher auch für die Stadt Gent aus, die sich dadurch touristisch weiter in den Vordergrund schiebt. Mit einem Rahmenprogramm aus Kochvorführungen und Diskussionen und vegetarischen Stadtplänen flankiert sie den fleischlosen Donnerstag. Zudem konnte mit der Branchengrösse Alprosoya zudem ein Sponsor ins Boot geholt werden, der ebenfalls auf dem Sprung aus der Bioladensubkultur in die Mainstreamsupermärkte steht. "Gutes Citymarketing" bescheinigt denn auch Initiator Tobias Leenaert.

 

Bild: Mathias Ripp

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