Mit Bäumen gegen Klimawandel

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Markus Binder, Genf 29.06.09
Bookmark and Share
Stichworte:         

Dem Regenwald kommt für ein neues Klimaabkommen in Kopenhagen im Dezember grosse Bedeutung zu: Er ist nicht nur ein gewaltiger Kohlendioxidspeicher, sondern seine Abholzung ist auch verantwortlich für einen Fünftel der weltweiten Kohlendioxidemmissionen. Kopenhagen werde sicher das Bewusstsein für die Bedeutung des Waldes stärken. Zweifelhaft sei aber, dass ein sinnvolles Abkommen zu Stande kommt, sagt Scott Poynton, Direktor von Tropical Forest Trust (TFT) .

Markus Binder:Ein Bericht von WWF Deutschland hat kürzlich gezeigt, dass nur neun von 68 Holzverarbeiter in Deutschland, Österreich und der Schweiz genau wissen, woher ihr Holz kommt. Überrascht?

Scott Poynton:Ja und Nein. Ich bin überrascht, weil die Umweltbewegung in diesen Ländern stark ist. Es gibt starke Wald-NGO's in Deutschland wie Robin Wood. Aber wenn ich unsere Mitgliederliste anschaue, bin ich nicht überrascht. In Deutschland haben wir ein Mitglied, in der Schweiz und in Österreich keine.

Markus Binder:Weshalb ist es so schwierig die Herkunft des Holzes zu kennen?

Scott Poynton:Das Problem ist, dass in herkömmlichen Versorgungsketten das Holz ständig ausgetauscht und gehandelt wird. Die Herkunft von Stämmen, gesägten Balken, getrocknetem Holz und der Endprodukte ist unmöglich, auch weil die Stämme oft in einem Land geschlagen werden, zum Beispiel in Indonesien, und dann zur Weiterverarbeitung in ein anderes Land exportiert werden, zum Beispiel nach China.

Markus Binder:Wie können Sie denn nun diese Versorgungskette entwirren?

Scott Poynton:Als wir starteten, sagten viele Händler, das sei unmöglich. Diese sind heute nicht mehr im Geschäft. Man muss das Ganze zurückführen auf einfache Prinzipien und die Kontrolle über jeden Baumstamm erhalten. Nicht nur um illegales Abholzen zu unterbinden, sondern vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen. Wer sein Holz nicht unter Kontrolle hat, kann auch die Verluste nicht minimieren.

Markus Binder:Das heisst, für diese Hersteller, die der WWF befragt hat, wäre es nicht so schwierig zu wissen, woher ihr Holz ist?

Scott Poynton:Nein, überhaupt nicht. Sie müssten nur anfangen zu fragen.

Markus Binder:Der Tropical Forest Trust wurde vor zehn Jahren gegründet, weshalb?

Scott Poynton:In den 90er Jahren verlangten die Konsumenten zunehmend nach Gartenmöbeln aus Holz anstelle von Plastik. Das beschleunigte die illegale Abholzung, weil illegales Tropenholz viel billiger war. Im April 1999 publizierte Global Witness einen Bericht, worin die NGO genau aufzeigte, wie in Kambodscha illegal riesige Flächen abgeholzt und in Vietnam verarbeitet werden, mit allen Folgen, auch den Menschenrechtsverletzungen. NGOs in Europa erhöhten daraufhin den Druck auf die Supermärkte. Diese wiederum verlangten von ihren Lieferanten für Ordnung zu sorgen, aber niemand wusste, woher das Holz kam. Die Grossverteiler kamen deshalb mit der Idee, zwei Prozent des Holzpreises in irgendeine Art von Nachhaltigkeitsfonds zu zahlen.

Markus Binder:TFT wurde also von der Holzindustrie aus Imagegründen gegründet?

Scott Poynton:Nein. Ich habe TFT gestartet, um der Holzindustrie zu helfen, ihre Art zu Arbeiten zu ändern, also nicht mehr mit illegalem Holz zu handeln und die Wälder nicht mehr zu zerstören.

Markus Binder:Ihr Ansatz ist ein ökonomischer, Sie wollen den Gewinn steigern. Weshalb nicht einfach den Regenwald in Ruhe lassen?

Scott Poynton:Ich würde gerne einfach den Regenwald erhalten, indem ich ihn in Ruhe lasse, aber so funktioniert die Welt leider nicht. Die Welt ist ein übler Ort, wo Leute andere Leute töten und Wälder abholzen, um Geld zu machen. Der Ansatz von TFT ist pragmatisch: Wir zeigen den Firmen, wie sie längerfristig mehr Geld machen können durch nachhaltiges Bewirtschaften des Waldes.

Markus Binder:Die Bäume, die sie erlauben zu schlagen sind sehr alt und wachsen langsam. Ist nachhaltiges Bewirtschaften von Regenwald nicht eine Illusion?

Scott Poynton:Nein. Das Geheimnis heisst «reduced impact logging». Es geht darum, nur die wirklich grossen Bäume zu fällen, ohne die Mittelgrossen zu verletzen. So kann man nach ein paar Jahren wieder kommen und jene, die nachgewachsen sind schlagen. Wir imitieren damit eigentlich nur die Natur.

Markus Binder:Sie betreuen derzeit 4,5 Millionen Hektaren Wald. Das klingt nach viel, ist aber verglichen mit den rund 10 Millionen Hektaren Regenwald, die jährlich abgeholzt werden wenig. Läuft Ihnen nicht die Zeit davon?

Scott Poynton:Deshalb müssen wir wachsen und zwar schnell. Deshalb haben wir unseren Namen geändert in «The Forest Trust», um alle Wälder abzudecken, nicht nur Regenwälder. Wir starten nun Projekte in den USA und in Russland. Am wichtigsten aber ist, dass wir in anderen Dimensionen arbeiten bei Produkten, die zur Zerstörung des Regenwaldes führen, zum Beispiel Soja oder Palmöl. TFT soll nicht mehr nur für nachhaltige Waldwirtschaft stehen, sondern nachhaltige Produkte, die den Wald nicht zerstören. Dazu brauchen wir mehr Geld, vor allem von unseren grossen Spendern.

Markus Binder:Das heisst, Sie wollen unabhängiger werden von der Holzindustrie?

Scott Poynton:Nein, TFT fühlt sich wohl mit seinen Mitgliedern und kann unabhängig handeln. Mit mehr Spendegeldern aber können wir mehr Projekte initiieren. Um in fünf Jahren 100 Millionen Hektaren Wald bewirtschaften zu können, brauchen wir mehr Geld, als wir von der Holzindustrie erhalten können.

Markus Binder:Abholzung trägt massgeblich zu den CO2-Emmissionen bei und der Wald spielt eine wichtige Rolle als CO2-Speicher. Wird ihnen die UNO-Konferenz zum Klimawandel in Kopenhagen im Dezember helfen?

Scott Poynton:Ich bin skeptisch. Kopenhagen wird sicher das Bewusstsein für die Bedeutung des Waldes stärken, aber ich zweifle daran, dass ein sinnvolles Abkommen zu Stande kommt. Wenn es auf einem Marktmechanismus für CO2 basiert, dann ist es eine Katastrophe.

Markus Binder:Weshalb?

Scott Poynton:Markmechanismen sind ineffizient und führen einzig dazu, dass Welt an einem anderen Ort verpestet wird. Die CO2-Emmissionen sind gestiegen, trotz des Emissions-Marktes. Wir müssen das Geld zu den Wäldern bringen ohne diesen Emmissionsausgleich.

Markus Binder:Wie?

Scott Poynton:Zum Beispiel mit einer weltweiten CO2-Steuer.

Markus Binder:FSC wurde in letzter Zeit stark kritisiert für ihre Zertifizierungsarbeit. Die deutsche NGO Robin Wood hat FSC-International nach 12 Jahren verlassen, weil Monokulturen in Uganda, Südafrika und Brasilien das FSC-Label erhalten haben. Wie gut ist das FSC-Label wirklich?

Scott Poynton:Die Standards sind grossartig, aber die Anwendung ist manchmal fehlerhaft. Es gab zu viele falsche Entscheide. Was mich beunruhigt ist, dass diese noch immer vorkommen.

Markus Binder:Weshalb?

Scott Poynton:Ich weiss es nicht, ob es fehlende Erfahrung, schlechte Arbeit vor Ort oder Korruption oder ein bisschen alles ist. Ich weiss nur, dass FSC viel zu wenig Personal hat. Ich rauffe mir wöchentlich die Haare.

Markus Binder:Denken Sie auch an einen Austritt?

Scott Poynton:Nein, der FSC-Direktor hat meine volle Unterstützung. FSC macht Fortschritte. Wichtig ist einfach, dass sich die Zertifizierung nun rasch verbessert, damit FSC seine Glaubwürdigkeit nicht einbüsst. FSC ist noch immer bei weitem das beste Label.

TFT und FSC

TFT: The Tropical Forest Trust (heute: The Forest Trust) wurde 1999 gegründet, um die nachhaltige Wirtschaft des Regenwaldes zu fördern. Sein Ziel ist es, den Herstellern und Händlern den Zugang zu nachhaltig bewirtschafteten Wäldern zu verschaffen und das Gebiet FSC-zertifizierter Wälder zu vergrössern. TFT hilft seinen Mitgliedern die Versorgungskette zu kontrollieren 90 Personen in 14 Ländern arbeiten für TFT, mehrheitlich in Südostasien, Brasilien, im Kongobecken und in China.

FSC: The Forest Stewardship Council (FSC), gegründet 1993, ist eine internationale Non-profit Organisation, die das verantwortungsvolle Bewirtschaften von Wäldern fördert. Als Reaktion auf die weltweite Abholzung hat FSC ein Label geschaffen, das unter anderem auch die Rechte der indigenen Bevölkerung respektiert. FSC wird von allen grossen Umweltorganisationen wie WWF oder Greenpeace unterstützt und ist in mehr als 50 Ländern aktiv.

Markus Binder:Vor einem Jahr hat das US-Parlament den Lacey Act verabschiedet, der den Handel mit illegalem Holz in den USA verbietet. Wie wichtig ist dieses Gesetz?

Scott Poynton:Es ist eine Revolution, auch weil das Justizdepartement willig ist, Gesetzesbrecher zu büssen. Viele Holzverarbeiter, die bisher nicht mit uns kooperieren wollten, bitten uns nun um Hilfe.

Markus Binder:Und Europa?

Scott Poynton:Europa war den USA fünf Jahre voraus und liegt nun fünf Jahre zurück, weil die EU-Gesetzgebung so langsam ist. Ein ähnliches Gesetz wird wahrscheinlich 2011 verabschiedet.

Markus Binder:Was können eigentlich die Konsumenten machen, ausser FSC-zertifiziertes Holz zu kaufen?

Scott Poynton:Sie können weniger Fleisch essen, weil die Herden oft auf gerodeten Waldflächen weiden oder die Tiere mit Soja gefüttert werden, das auf gerodetem Waldflächen angepflanzt wird. Sie können in den Supermärkten fragen, welche Produkte mit Sojamonokulturen im Amazonasgebiet oder Palmölplantagen in Südostasien verbunden sind. Leider gibt es dafür noch kein Label.

 

Zur Person:
Scott Poynton ist Direktor des Tropical Forest Trust (TFT) seit dessen Gründung im März 1999. Von 1999 bis 2001 arbeitete er als Direktor der Vietnam Niederlassung von ScanCom International, dem grössten Lieferanten von Gartenmöbeln aus Holz. Der 45-jährige Australier hat an der Universität Oxford einen Master in Forstwirtschaft erlangt, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Deprecated: Function ereg_replace() is deprecated in /home/www-data/nachhaltigkeit.org/components/com_jcalpro/config.inc.php on line 405

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren