Wellenenergie ist seit Jahrzehnten ein Hoffnungsträger der Forschung im Bereich alternativer Energien. Bisher jedoch mit wenig Erfolg. Eine Frage der Zeit? Ja, meint Frank Neumann vom Wave Energy Center in Lissabon, Portugal. Die Wellenenergie könne künftig bis zu 20 Prozent des Stroms eines Landes produzieren.
Lisa Louis: Seit den 70er Jahren wird, mit Unterbrechungen, an einer Technologie zur Stromerzeugung mithilfe der Wellen gearbeitet. Bis heute funktioniert sie nicht einwandfrei – das zeigt auch die erste Wellenfarm der Welt, Pelamis, im Norden Portugals, die zurzeit still liegt. Hat die Wellenenergie dennoch eine Zukunft? Frank Neumann: Definitiv: Wenn wir bisher immer wieder Schiffbruch erleiden, so liegt das daran, dass die Technologien noch nicht ausgereift sind. Die ersten Flugzeuge sind schliesslich auch vom Himmel gefallen. Nur ist das Meer als Forschungslabor extrem schwierig zu handhaben, wir brauchen deshalb in dieser Startphase viel Zeit und Kapital. Ein Problem ist zum Beispiel, dass die Energie der Wellen bei starkem Wind und damit Seegang exponentiell ansteigt. Dem halten die meisten Wellenkraftwerke nicht stand, und das müssen wir ändern. Lisa Louis: Ist es in Zeiten der Finanzkrise schwieriger, das nötige Kleingeld für eine nicht ausgereifte Technologie zu bekommen? Frank Neumann: Ja, das merke ich schon bei einigen Projekten unseres Forschungszentrums. Aber ich sehe diese Wirtschaftskrise auch als eine grosse Chance für alternative Energien. Lisa Louis: Inwiefern? Frank Neumann: Sie stellt nicht nur die Funktionsweise unserer Gesellschaft in Frage, sondern zeigt auch, dass wir ein Umdenken in Sachen Energie brauchen. Auf lange Sicht ist die Abhängigkeit von nicht erneuerbaren Ressourcen keine haltbare Strategie. Und gewisse Länder haben das verstanden. Es gibt starke politische Strömungen, die alternative Energien unterstützen. Die portugiesische Regierung zum Beispiel hat eine Pilotzone für die Anlagen zur Nutzung von Wellenenergie eingerichtet, in der Anlagen bis 250 Megawatt getestet werden können. Ausserdem garantiert der Staat den Stromproduzenten einen erhöhten Einspeisetarif von 25 bis 26 Cent für Wellenenergie. Lisa Louis: Auch die teure Forschung lohnt sich also? Frank Neumann: Ja. Sobald wir die ersten Entwicklungshürden überwunden haben, rechnen wir mit einem starken Lernprozess. Die Energiegewinnung wird so sehr schnell sehr viel billiger. Ausserdem ist die Wellenenergie im Vergleich zu anderen alternativen Energieformen gut voraussehbar: Wir können die Wellen an der portugiesischen Küste drei bis vier Tage vorher abschätzen – und zwar anhand der Wind- und Seegangsentwicklung auf der anderen Seite des Atlantiks. Drittens ist die Energiedichte der Wellen wesentlich höher als die des Windes. Rein theoretisch ist also Wellenenergie die effizienteste der alternativen Energieformen. Lisa Louis: Gehört die Zukunft dann der Wellenenergie alleine? Frank Neumann: Nein. Wir müssen auf alle erneuerbaren Energien gleichzeitig setzen. Auch wenn die Wellenenergie einen Teil zum Energiemix beitragen kann. Lisa Louis: Wie hoch ist dieser Anteil? Frank Neumann: Wir glauben, die Wellenenergie kann 10 bis 20 Prozent der Energie eines Küstenlandes produzieren – in manchen Gebieten der Welt sogar mehr. Lisa Louis: Welche Länder haben ein gutes Wellenenergie-Potenzial? Frank Neumann: Vor allem die, die auf den zwei Streifen starker Windbewegung liegen, die sich horizontal über den Globus ziehen. Dazu gehören Neuseeland und Irland, Grossbritannien und der Norden Norwegens. Lisa Louis: Und Portugal liegt nicht auf diesen Streifen? Frank Neumann: Nein, aber es liegt immer noch im Gebiet mittlerer bis hoher Windbewegung, ist zudem eines der Länder der Welt, das am meisten offene Atlantikküste hat. Und der Atlantik ist nun mal der beste Ozean, um Wellenenergie zu ernten. So könnte auch hier im Jahr 2050 die Wellenenergie 20 Prozent des Stroms liefern. Ausserdem ist die Infrastruktur nahe der Küste gebaut, genau so wie das öffentliche Transport- und Elektrizitätsnetz. Das ist wichtig bei der Energieübertragung – vor allem, wenn einmal grosse Mengen an Strom erzeugt werden. Lisa Louis: Heisst das, Binnenstaaten oder küstenarme Länder werden Wellenenergie nicht nutzen können? Frank Neumann: Zumindest nicht im frühen Entwicklungsstadium - auch weil es einfacher ist, küstennahe Kraftwerke zu bauen und zu erforschen. Genau wie alle anderen erneuerbaren Energien hat so auch die Wellenenergie gute und schlechte geographische Regionen. Deutschland zum Beispiel liegt im Bereich eines schlechten Gebietes – sowohl in der Nord- als in der Ostsee. Interessant ist die Wellenenergie nur insofern für das Land, als dass es einen Markt für Technologien darstellt, die in Deutschland produziert werden und dann exportiert werden könnten.
Zur Person: Frank Neumann hat in Karlsruhe Bauingenieurwesen studiert. Seit 1999 forscht er im Bereich Wellenenergie – zunächst am Instituto Superior Técnico in Lissabon, wo er seit 2001 am Konzept für das Wave Energy Center (WavEC) mitarbeitete. Zu dem stiess er 2005, 2 Jahre nach dessen Gründung, als Projektingenieur hinzu. Seit Januar 2008 ist er stellvertretender Direktor am WavEc.
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