Fehler
  • JHTMLIcon::print_popup_white not supported.
  • JHTMLIcon::email_white not supported.

Bis zur nächsten Krise?

Geschrieben von: Heiko Spitzeck und Mathias Weiss, HSG 25.02.09
Bookmark and Share
Stichworte:       

„Lasst uns die Krise nicht vergeuden“, sagte Emanuel Rahm, Obamas Head of Staff. In der Tat bietet die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise einen guten Anlass, aus ihr zu lernen. Lernen heisst die grundsätzlichen Ursachen verstehen und beheben. Lernen heisst nicht, anderen die Schuld in die Schuhe schieben und das eigene Verhalten nicht zu reflektieren. Aus einer lokalen Finanzkrise, die im Sommer 2007 in den USA ihren Ursprung hatte, ist inzwischen eine globale Wirtschaftskrise geworden, deren Ausmasse sich noch nicht abschätzen lassen. Dabei wird immer deutlicher, worin das grundlegende Problem besteht: kurzfristiges Denken und Handeln, getrieben von purem Opportunismus. »Höher! Schneller! Weiter!« lautete die Maxime, die Gier schien grenzenlos.

Die Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank FED nach dem Platzen der Dotcom-Blase und nach dem 11.09.2001 sorgte für reichlich Liquidität im amerikanischen Finanzsektor. Dieses Geld suchte sich nun neue Anlagemöglichkeiten und fand sie im untersten Segment des amerikanischen Hypothekenmarktes, dem sogenannten Subprime Markt. Dieses Geschäftsmodell war so einfach wie unseriös und bestand in einer nahezu uferlosen Hypothekarkreditvergabe an von vornherein zahlungsunfähige Schuldner. Diese neue Kundenschicht, die unter normalen Umständen nie einen Kredit bekommen hätte, sorgte nun durch ihre Nachfrage für einen Bauboom im Immobiliensektor. Damit ging das Geschäftsmodell eine Weile auf, denn die in der Folge stark steigenden Immobilienpreise schienen das Risiko für die kreditgebenden Banken zu minimieren. Falls ein Schuldner seinen Kreditzahlungen nicht mehr nachkam, konnte die Immobilie zum Mehrfachen des Ursprungspreises verkauft werden. Es gab Kunden, die plötzlich eine Hypothek auf ihr - bereits abbezahltes - Haus aufnahmen, um sich Konsumwünsche wie Ferienreisen oder ein grösseres Auto zu erfüllen. Dies ging solange gut, wie steigende Immobilienpreise den überschuldeten Darlehensnehmern die Bedienung ihrer Kredite ermöglichten. Als jedoch der Boom abebbte und die Immobilienpreise zu fallen begannen, wirkte die selbe Dynamik, die vorher den Boom beschleunigt hatte in die Gegenrichtung und setzte bei allen Beteiligten eine Abwärtsspirale in Gang. Nun zeigte sich der fatale Konstruktionsfehler des gesamten Systems: fehlende Verantwortung! Die Hypotheken waren nicht von den Banken selbst, sondern von Vertretern auf Provisionsbasis verkauft worden, die wenig Interesse an einer soliden Risikoprüfung hatten. Die Banken behielten diese Kredite nicht, sondern verwursteten sie in grössere Pakete und verkauften sie weiter an institutionelle Investoren. Die von ihren Auftraggebern bezahlten Rating-Agenturen stellten diesen Paketen auf Grundlage komplexer mathematischer Modelle einen Persilschein aus und so wurden aus den Hypotheken prinzipiell zahlungsunfähiger Individuen erstklassige Anlagevehikel. Dazu kam, dass sich dieses System an einem gewissen Punkt selbst überlistete. Ende der 90er Jahre war in den USA der in Folge der Weltwirtschaftskrise in den dreissiger Jahren in Kraft getretene Glass-Steagall Act, der eine Trennung zwischen Investment- und Geschäftsbanken vorschrieb, auf Treiben der Finanzmarktakteure abgeschafft worden. Die Abschaffung dieses Gesetzes ermöglichte Investment- und Geschäftsbanken zu fusionieren. So kam es, dass die Investmentabteilungen der Banken diese mittlerweile gerne als "Giftmüll" bezeichneten Kreditpakete wieder aufkauften, welche die Kreditabteilungen aus Gründen der Risikodiversifizierung eigentlich weiterverkauft hatten. Da die Papiere weltweit gehandelt wurden und niemand mehr einen Überblick über die wirklichen Risiken hatte, gingen einige Banken deutlich zu hohe Risiken ein und verspekulierten sich dabei. Dies zwang letztlich Institutionen wie Lehman Brothers, die vor kurzem noch zu den innovativsten und führenden Finanzhäusern gehörten, Bankrott anzumelden. Hätten die Beteiligten nicht opportunistisch und kurzfristig gehandelt und die Kreditwürdigkeit der Darlehensnehmer gründlich geprüft, würden wir uns heute nicht in einer globalen Wirtschaftskrise befinden. Kurzfristig profitierten alle Beteiligten von einem Modell, welches langfristig per Definition nicht funktionieren kann. Immobilieneigentümer profititerten durch zusätzlichen Konsum auf Pump, Bank-Manager durch erhaltene Boni.

Opportunistisches und kurzfristiges Verhalten in Systemen wie dem globalen Finanzmarkt führt ab einem gewissen Mass zu Vertrauensentzug. Banken vertrauen einander nicht mehr – der Interbankenhandel bricht ein. Bürger vertrauen Banken nicht mehr und entziehen ihre Gelder. Doch Vertrauen ist die Leitwährung des Geldgeschäftes. Ohne Mindestmass an Vertrauen funktioniert das globale Geldsystem nicht. Opportunismus zerstört Vertrauen. Die Kur der Krise liegt in der Bekämpfung opportunistischen Verhaltens. Dies wurde in der Vergangenheit per Gesetz gemacht. Auch heute setzen Regierungen auf neue Gesetze, um der Krise zu begegnen. Dies mag richtig sein, reicht aber bei weitem nicht aus, denn Opportunisten finden Wege, Gesetze zu umgehen oder sie lobbyieren lange genug, um diese Gesetze aus dem Weg zu räumen – wie im Beispiel des Glass-Steagall Acts. Wichtiger als neue Gesetze ist daher ein Umdenken hin zu sozial und ökologisch verantwortlichem Banking. Akteure im Finanzmarkt müssen verstehen, welche normativen Leitplanken künftige Krisen verhindern helfen.

Man kann nicht nur aus Krisen lernen, sondern auch von Stimmen am Rande des ökonomischen Mainstreams. Verschiedene Ökonomen haben immer wieder auf die systemische Natur unseres Wirtschafts- und Geldsystems und der Schädlichkeit opportunistischen Verhaltens aufmerksam gemacht und bezüglich ihrer Einschätzung Recht behalten. Aufgrund ihres Nischendaseins, fanden ihre Überlegungen in Forschung und Praxis bislang wenig Resonanz. Zu den Vertretern alternativer Ansätze gehören beispielsweise Hans-Christoph Binswanger, Peter Ulrich und Bernard Lietaer. Ihre Überlegungen zur Natur unseres Geld- und Wirtschaftssystems wurden letztes Jahr systematisch im Buch „Der Geldkomplex“,zusammengefasst.

Die verschiedenen Beiträge erlauben eine Diagnose des heutigen Geldsystems und skizzieren alternative Ansätze auf unterschiedlichen Ebenen. Die Autoren präsentieren die Erkenntnisse von Silvio Gesell, der während der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren für das "Wunder von Wörgl" verantwortlich war, indem er die Idee eines alternden lokalen Geldes entwickelte. Moderne Varianten dieses alternativen Geldsystems finden sich in den verschiedenen Lokalwährungssystemen, die der Sammelband präsentiert. Das Buch bietet, obwohl vor dem Ausbruch der gegenwärtigen Krise verfasst, eine gute Diagnose und gibt Hinweise auf potentielle Lösungsmechanismen.

Lehman Brothers publizierten vor ihrem Untergang einen Bericht, der Krisen der letzten Jahrhunderte untersuchte. Dieser Bericht registrierte im 18. Jahrhundert elf, im 19. Jahrhundert 18 und schliesslich im 20. Jahrhundert 33 Finanzkrisen. Wenn wir von der Vergangenheit auf die Zukunft schliessen, dürfen wir uns im 21. Jahrhundert auf über 50 Finanzkrisen gefasst machen. Ein Grund mehr, um alternativen Ansätzen mehr Beachtung zu schenken.

 

Weis, Mathias; Spitzeck, Heiko (Hrsg.): Der Geldkomplex - Kritische Reflexion unseres Geldsystems. St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik. Bern : Haupt, 2008.- ISBN 978-3-258-07314-9

 

Zu den Autoren:

Heiko Spitzeck ist freier Mitarbeiter des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen

Mathias Weis ist Assistent am Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Deprecated: Function ereg_replace() is deprecated in /home/www-data/nachhaltigkeit.org/components/com_jcalpro/config.inc.php on line 405

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren