Davos - Die Weltwirtschaftskrise hat die Entwicklungsländer bislang nur gestreift. Nun droht eine soziale und wirtschaftliche Katastrophe mit Milliarden von Betroffenen. Allein die offizielle Zahl der Arbeitslosen wird um 40 Millionen auf 240 Millionen Menschen ansteigen – die meisten von ihnen ohne soziale Absicherung. Am Weltwirtschaftsforum in Davos ist das nur ein Randthema. Jetzt braucht es weit mehr als Entwicklungshilfe: 500 Milliarden Dollar zur Stützung von Wirtschaft und Konsum und eine Rückkehr zur Förderung des ländlichen Raums.
„Noch ist die Krise nicht vollständig in den Entwicklungsländern angekommen. Aber bis Ende dieses Jahres wird sie voll durchschlagen. Dann wird es für Abermillionen der Ärmsten nur noch ums nackte Überleben gehen”. Nancy Birdsall, Präsidentin des Zentrum für globale Entwicklung in Washington, einer Denkfabrik zur Reduzierung der weltweiten Armut, macht sich keine Illusionen darüber, was die Weltwirtschaftskrise für die unterentwickelte Welt bedeutet. „Betroffen ist weit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung", sagt sie in einem Gespräch am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. "Denn es geht nicht nur um die Ärmsten, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Es geht auch um jene rund vier Milliarden Menschen, die fünf bis sieben Dollar am Tag haben. Die Krise wird auch sie ganz hart treffen. Denn die meisten haben keine soziale Absicherung.” Migranten am stärksten betroffen Es klingt wie ein Horrorszenario. Die Internationale Arbeitsorganisation rechnet 2009 mit 40 Millionen zusätzlichen Arbeitslosen weltweit. 240 Millionen Menschen könnten Ende dieses Jahres keine Arbeit haben. Anita Normark, Generalsekretärin der Bau- und Holzarbeiter-Internationale mit 12 Millionen Mitgliedern weltweit, berichtet von dramatischen Entlassungswellen auf dem Bausektor in den Vereinigten Staaten, Kanada, Irland und Spanien. So wird in Irland für 2009 mit 55.000 zusätzlichen Arbeitslosen alleine auf dem Bausektor gerechnet. Noch viel schlimmer sieht die Lage in den Schwellen- und Entwicklungsländern aus. In China kehren bereits Millionen von Wanderarbeitern in ihre Heimatdörfer zurück. 300 Millionen Familien, so Tim Hanstad vom Institut für ländliche Entwicklung in Seattle, seien potenziell gefährdet. „Sie leben vom wenigen Land, das sie bewirtschaften, und vom Geld jener, die in den Städten arbeiten und sie unterstützen.” Bill Clinton: Ländlichen Raum nicht vergessen Doch während China wenigstens die Mittel hat, um die Folgen mit Stützungsmassnahmen und gezielten staatlichen Investitionen zu lindern, stehen viele Menschen in den unterentwickelten Ländern vor dem Nichts. Am härtesten sei die Lage für Millionen von Migranten, die ihre Stellen verlieren, seien es Bauarbeiter aus Zentralasien, die in Moskau entlassen werden, oder Berufskollegen aus asiatischen Länden, die in Dubai nach Hause geschickt werden, sagt Anita Normark. Die Länder, in die sie zurückkehren, haben nichts zu bieten als Armut und Elend. Für Bill Clinton, den früheren US-Präsidenten, ist es an der Zeit, die Konzepte einer Industrialisierung von Schwellen- und Entwicklungsländern zu überdenken. „Wir haben den ländlichen Raum vergessen. Jetzt, in dieser epochalen Krise, müssen wir realisieren, dass es ohne eine Entwicklung und Förderung der Landwirtschaft nicht geht. Nur so befähigen wir die Menschen in den armen Ländern, sich selbst helfen zu können.” Protektionismus wäre fatal Für die wirtschaftlichen Statistiken sind jene, die von nichts oder fast nichts leben müssen, praktisch bedeutungslos. Werden die selbst von der Krise gebeutelten entwickelten Staaten, die dabei sind, ihren eigenen Stall auszumisten, davon mehr als nur Kenntnis nehmen? Sie hoffe es, sagt Nancy Birdsall. „Der Internationale Währungsfonds spricht von fünfhundert Milliarden Dollar, die als Soforthilfe benötigt werden, um auch in den Entwicklungsländern mit Stützungsmassnahmen eingreifen zu können.” Das sei angesichts der Summen, die in den Industrieländern bereits ausgegeben worden seien, kein utopisches Ziel. „Einzelne Staaten wie Japan haben bereits Gelder zugesagt. Aber es wird noch viel mehr brauchen.” Birdsall setzt neben der Europäischen Union auch auf die neue US-Administration unter Barack Obama. Und sie hofft darauf, dass die Industriestaaten „wenigstens darauf verzichten, den protektionistischen Vorhang herunterzulassen. Es wäre für viele Entwicklungsländer katastrophal.” Langfristige Aussichten nicht schlecht Auf lange Sicht sei sie durchaus optimistisch, „wenn die Weichen jetzt in die richtige Richtung gestellt werden”, sagt Anita Normark. “Wenn die Staatsgelder nicht einfach nur verwendet werden, um marode Banken zu stützen, sondern, um gezielt zukunftsträchtige Projekte wie Energieeffizienz und alternative Energien zu fördern, dann wird die ganze Welt davon profitieren.”
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